Ritchie

Es ist nicht so, dass ich oft an Ritchie denke. Zumindest nicht in dem Maße, wie ich an Marius denke oder an Steve. Eigentlich hat Ritchie nie eine bedeutende Rolle in meinem Leben gespielt. Er war eher so der Nebendarsteller, der in den ersten fünfzehn Minuten eines Blockbusters ein paar Mal durchs Bild läuft und schief in die Kamera grinst. Dann der Zeitsprung, die Protagonistin altert um Jahre, und Ritchie taucht bis zum Ende des Films nicht mehr auf. Woran ich denke, wenn ich an Ritchie denke: Erstens, Ritchie trug sein Haar immer gelig. Das Gel machte seine Naturlocken zu glänzenden schwarzen Kringeln, was mich dunkel an Omas Kalbsfellmantel erinnerte. Zweitens, wenn Ritchie redete, klang es so, als würde er sich die Nase zuhalten. Das hatte etwas Blasiertes und Komisches zugleich. Ein paar von den Fußballern äfften ihn manchmal nach. Sie sagten, Ritchie sei eine Tunte. Das war natürlich gelogen. Drittens, Ritchie hörte eher so Rock. Aber auch Rap. Er war nicht so festgelegt wie ich. Ich hörte Punk, alles andere war mir nicht anti genug. Wenn wir an den Wochenenden betrunken nebeneinander in der Chill-Out-Area irgendeiner Dorfparty auf der Bierbank saßen, stritten wir manchmal, kurz bevor wir knutschten, über schlechte Deutschpunk-Lyrics. Einmal brannte er mir ein Cypress Hill Album, das ich mir aber nie anhörte. Viertens, Ritchie konnte gut küssen. Richtig gut küssen. Er hatte große, volle Lippen und einen langen Hals. Wie eine Giraffe. Und er cremte seine Lippen mit Labello ein. Ich sah ihn einmal in der Pause mit dem Stick rumhantieren und da packte er ihn schnell wieder weg. Warum, weiß ich nicht. Ich hielt ihn ja nicht für schwul, und das wusste Ritchie auch. Er küsste sehr zärtlich und mit dem exakt richtigen Maß an Zunge. Und er drückte seinen Daumen dabei sanft gegen mein Kinn.

Zunächst fühlte es sich albern an, Ritchie zu googeln. Aber mir blieb keine andere Wahl. Ritchie war wie vom Erdboden verschluckt. In der 10 Jahre-Abitur-Gruppe auf Facebook tauchte er nicht auf, genausowenig in der Mailingliste. Nicht mal Bianca, deren Nummer ich dank einer altmodischen Telefonbuchrecherche hatte, stand noch in Kontakt mit ihm. Dann also Internetstalking. Natürlich hieß Ritchie nicht mit echtem Namen Ritchie, sondern Richard Kučera. Ich tippte „RICHARD KUčERA“ in die Suchleiste ein.

Google lieferte prompt und ich scrollte die Ergebnisse ab. Das erste, zweite und dritte Ergebnis verwies mich auf eine Arztpraxis in Neusiedl. Dr. med. Richard Kučera, Hausarzt am Neusiedler See. Ich klickte auf Google Maps und zoomte mich in den Ort rein, ganz nah an die Praxis. Die Praxis Kučera lag auf der Hauptstraße von Neusiedl, in unmittelbarer Nähe einer Weinstube (die drei Leute bei Google mit fünf Sternen bewertet hatten), einer Bank, drei weiteren Ärzten (Haut, Gynäkologie, HNO) und der Touristeninfo. Bis zum Segelhafen West brauchte man laut Google Maps dreißig Minuten zu Fuß. Dreißig Minuten, die sicher an schnöseligen Segel- und Tennisclubs und nach gemähtem Gras duftenden Feldern vorbeiführten. Zum Hinterhof raus lagen Ferienvillen, die Balkone hingen mit Geranien voll. Ein vollmundiger Gong erklang, als ich den Klingelknopf aus Messing an Dr. Kučeras Praxis drückte. Die Gegensprechanlage knarzte, der Summer summte; schon stand ich auf dem Flur vor der Anmeldung. Zwischen Theke, Warteraum und Sprechzimmer war einiges los. Unablässig klingelte das Telefon, unablässig lief eine Praktikantin mit Urinproben von A nach B, unablässig nahmen alte Damen am Empfang ihre Rezepte und Besserungswünsche entgegen. Dr. Kučeras Arzthelferinnen waren groß und blond, hatten schmale, pferdeähnliche Gesichter, trugen ihre Haare zum Zopf gebunden und hatten einen burgenländischen Dialekt. Wortlos legte ich meine Chipkarte auf die Theke. Mit einem Lächeln und einem dreiseitigen Anamnesebogen für Erstpatienten wurde ich in das voll besetzte Wartezimmer geschickt. Den Bogen füllte ich nachlässig und ausschließlich mit Halbwahrheiten aus, es ging mir schließlich nicht um eine Diagnose. Beim Zurückbringen nahm ich eine BUNTE aus dem Zeitschriftenregal mit, aber als ich darin herumblätterte, fiel mir auf, dass ich abwesend war und ohne Konzentration. Dafür sogen sich meine verschwitzten Fingerkuppen mit Druckerschwärze voll. Vierzig Minuten Wartezeit vergingen furchtbar schnell. Als mein Name aufgerufen wurde – »Frau Trebes bitte in Sprechzimmer Nummer Drei!« – schoss ich wie elektrisiert vom Stuhl hoch, sodass mir kurzzeitig schwarz vor Augen wurde. Die Umrisse des Wartezimmers kamen schemenhaft zurück, da sah ich mich auch schon in Richtung Sprechzimmer steuern. Aus den Augenwinkeln fiel mir auf, dass ich schwarze Fingerabdrücke auf dem goldenen Türgriff hinterließ, und in diesem Moment fragte ich mich, warum ich eigentlich bis dato keinen Gedanken an die Frage verschwendet hatte, wie es überhaupt dazu kam, dass Ritchie Arzt in Neusiedl war.
War Ritchies Vater nicht Arzt in Österreich? Ich glaubte zu wissen, dass Ritchies Vater sich kurz nach Ritchies Geburt von Ritchies Mutter getrennt hatte, mit Sack und Pack und einer neuen, großen, blonden, vollbusigen Frau nach Neusiedl gezogen war; während Ritchie mit Ritchies Mutter, kleinwüchsig, schwarzlockig, schmalbrüstig, im thüringischen Vogtland versauerte. Ritchie hatte, so sponn ich weiter, seit Anbeginn aller Zeit auf Wunsch des Vaters Medizin studieren sollen, aber weil schon ab der fünften Klasse absehbar war, dass er den Numerus Clausus an deutschen Unis nicht schaffen würde (Ritchie war der mit Abstand Schlechteste in Latein, er war schlecht in Deutsch und in Englisch und denkbar schlecht in den Naturwissenschaften. Nur in Sport und Musik hatte er ab und an eine Eins, und im Religionsunterricht) – weil also absehbar war, dass Ritchies Noten zu mies für deutsche Unis sein würden und er mindestens zehn Wartesemester bräuchte, um in das Fach hinein zu gelangen, verschaffte ihm sein Vater einen Studienplatz in Österreich. War es nicht so? Nein, es war nicht Österreich, Ritchie ging vielmehr nach Polen, so war es. Nach Wroclaw, um genau zu sein; er studierte dort Medizin und promovierte dann bei Freunden seines Vaters an einer Klinik in Bratislava, Slowakei. Oder war es Tschechien? Kučera war ja auch ein tschechischer Name. Nicht? Auf alle Fälle machte er sein Studium in Wroclaw, wo er mehrfach von polnischen Neonazis bedroht wurde, weil sein Nachname tschechisch klang und seine Nase jüdisch aussah. Soweit auch Biancas Wissensstand, den sie mir bei unserem Telefonat, redselig wie immer, unbedacht weitergetratscht hatte. Danach verlor sich die Spur. Die Frage, warum Ritchie mit Anfang Dreißig schon eine eigene Praxis in Neusiedl hatte, blieb ungeklärt, auch in meinem Kopf. Die Tür hatte sich langsam und unmerklich nach innen geöffnet und ich blickte in das Sprechzimmer hinein, während Dr. Richard Kučera in mich hinein blickte.
Ich sah Ritchies 18-jähriges Jungsgesicht in einem weißen Arztkittel und den dazu passenden Crocs vor mir und dachte an junge Kälber. Seine Stirn war wie eh und je von Schmalzlöckchen umkränzt, seine riesigen dunkelbraunen Augen – meine Freundinnen nannten ihn damals nur den „Dackel“ – sahen mich zunächst verwundert, dann spöttisch an. Das Stethoskop hing lose um seinen Hals und rahmte das geöffnete Hemd, das wiederum einiges an dunklem Brusthaar freigab. Brusthaar? Das war schwer zu verkraften. Ich schluckte und fühlte unwillkürlich Blut in meine Bauchregion pumpen.
Dreißig Sekunden vergingen, ohne dass etwas passierte.
„Tanja?“
fragte Ritchie endlich.
Ich räusperte mich.
„Ja! Äh hallo, Ritchie“, antwortete ich mit nervös zuckenden Mundwinkeln. Ich sah mich den Ring meines linken Zeigefinger hoch und runterschieben, mechanisch und in Trance. Hoch und runter. Eine Bewegung, die ich oft machte, wenn ich nervös war; aber jetzt war die Geste obszön, wie mir urplötzlich auffiel. Ich wurde sofort rot. Ich war nie nervös gewesen in Ritchies Gegenwart. Ritchie war eben Ritchie: ein netter Junge, durch und durch Mittelmaß, mit durchschnittlichem Aussehen, durchschnittlicher Intelligenz und durchschnittlichen Interessen. Seine Nase war etwas zu lang, seine Haare etwas zu gelig, seine Klamotten etwas zu altmodisch um wirklich als hot durchzugehen; seine Hobbys zu unspektakulär (ich wusste, wie gesagt, auch nur von Cypress Hill und vom Kiffen). Ein völlig langweiliger Durchschnittstyp, der sich seit unserem ersten Kuss, den ich ihm im Hinterhof einer Kneipe völlig besoffen aufgenötigt hatte, während von drinnen Sex is on Fire lief, unwiderruflich in mich vernarrt hatte. Nur als Freund kam Ritchie für mich nie in Frage. Ich war ja Punk, und außerdem Klassenbeste, und ich interessierte mich seinerzeit für expressionistische Kunst und griechische Tragödien. Dinge also, die Ritchie womöglich nur vom Hörensagen kannte. Aber das gebrochene Herz konnte ich ihm dann doch nicht ersparen, dafür küsste er einfach viel zu gut.
Wie Ritchie nun vor mir stand, in seiner eigenen Arztpraxis im oberösterreichischen Segelparadies, mit gleichmäßigen Dreitagebart und einiges an Muskelmasse, umgeben von einer Schar blonder Nymphen, die Urinproben hin und her trugen, erschien er mir plötzlich massiv attraktiv. Es war mir geradezu unbegreiflich, warum ich mich damals nicht für ihn interessiert haben konnte. Ritchie sah mir mit seinem Hundeblick tief in die Augen und schob seine weichen Lippen nach vorne. Gleich, so ahnte ich, würde er mich fragen, warum es mich in seine Praxis verschlagen hatte; dabei würde ich feststellen, dass sein quälend nasaler Tonfall einem raubeinigen dunklem Bass gewichen war. Ich würde unkoordiniert von meinem Leben erzählen, meinem Promotionsprojekt in der Altphilologie, meinem Nebenjob im Museum und meinem großen Freundeskreis. Er würde mich mit ehrlichem Interesse, wie selbstverständlich, zu meinen Studien ausfragen, mit einem unerklärbaren Wissen über Euripides und die Fehlrezeption durch Aristophanes, und mich dabei schief anlächeln, während das Brusthaar immer üppiger aus dem kleinen Spalt seines Hemdkragens herausquoll. Das Studium musste ihn gebildet haben; ja, er würde nebenbei einfließen lassen, dass er sich auch noch für Psychoanalyse interessierte, insbesondere für die Psychoanalyse C.G. Jungs. Dies wäre der Moment, wo ich mir eingestehen müsste, dass ich nun regelrecht sexuelles Verlangen nach Ritchie verspürte, und ich mich langsam aber sicher auf die Praxisliege würde gleiten lassen, lasziv und schwer atmend, während er mir aufreizend zunickend immer näher kam, dabei sein Hemd langsam öffnete und sich schließlich oberkörperfrei und brustbehaart über mich beugte, sodass ich sein Parfum – Bleu de Chanel – einatmete. Dann, ja dann, würde ich den Sex meines Lebens haben, mit Ritchie, dem Dackel.

Der vierte und fünfte Eintrag bei Google sahen eine ganz andere Zukunft für Ritchie vor. Beide handelten von der „kleinen Bierstube“; der eine Link verwies auf einen Zeitungsartikel, der andere auf eine Website der kleinen Bierstube. Beide führten RICHARD KUčERA als Inhaber an. Ritchies kleine Bierstube lag in Augsburg, in einer Seitenstraße am Kö, die Webseite war schlicht designt, aber schick; ich hätte mir für eine Bierstube ein etwas anderes Design vorgestellt. Aber das war eben Bayern, Bier musste attraktiv sein für alle. Ich begann, den Artikel zu lesen. Richard , so Kučera die Augsburger Allgemeine, kam vor mittlerweile vier Jahren nach Augsburg und jobbte nach einem verhauenen Studium der Medizin zunächst in diversen Kneipen und Bars, bevor er mit einem langjährigen Freund, Sebastian (ich grübelte; Sebastian Demmering aus der K11? Ja, das war möglich. Mit dem hing Ritchie damals herum, eventuell, weil sie aus dem selben Dorf kamen, Sebastian war nämlich drei Jahre jünger als Ritchie und normalerweise begab man sich in der Kollegstufe nicht auf das Niveau unreifer Teens; eventuell lag es auch daran, dass sie beide kifften und Sebastian Ritchies Dealer war. Oder andersherum. Oder weil sonst keiner im Umkreis von 100 Kilometern so viel kiffte wie Ritchie und Sebastian), also bevor er mit eben jenem Kiffersebastian, der indessen eine Ausbildung zum Gastronom gemacht hatte, beschloss, einen kleinen Pub in der Altstadt Augsburgs aufzumachen. Augsburg nur deshalb, weil Sebastians Freundin Sabrina (Etwa Sabrina Daschner, die burschikose Fußballerin aus unserer Jahrgangsstufe?) in Augsburg studierte und lebte. Und weil Augsburg noch verhältnismäßig günstig war im Vergleich zu anderen Städten Bayerns, aber man unbedingt nach Bayern wollte, wegen des Biers. Die Kneipe selber war klein und relativ unspektakulär, aber enorm gut besucht, sodass Ritchie und Basti binnen kürzester Zeit richtig gut Geld verdient haben mussten. Es fühlte sich seltsam an, in Augsburg die Kneipe eines unbedeutenden Verflossenen aufzusuchen, weil ich diese Stadt nur in Steves Armen kennengelernt hatte.
Ich erinnerte mich blitzartig an einen Nachmittag im Sommer, den ich mit Steve in Augsburg verbracht hatte, wir waren erst im Domgarten gewesen und Steve hatte Fotos von meinem neuen Kleid gemacht; später waren wir Eis und Milkshakes holen auf dem Rathausplatz, ich war damals noch nicht allergisch auf Erbeeren und hatte mir Erdbeer-Schokolade bestellt; ein bisschen waren wir noch bummeln und gegen abends auf dem Plärrer, einem oktoberfestartigen Volksfest, zu dem mich Steve nur begleitete, weil er mich liebte, obwohl er es insgeheim verabscheute. Und jetzt saß ich in der kleinen Bierstube am Kö, nicht nur allein, sondern tatsächlich einsam, und hoffte inständig, dass Ritchie und nicht Sebastian als erstes auftauchen würde; aber zunächst ließ sich keiner der beiden blicken, nur zwei gelangweilte Studenten wuschen hinter der Theke Biergläser ab und wechselten in überheblichem Tonfall ein paar Worte über ihr Foucault-Seminar, wobei mir mit jedem ihrer Worte klarer wurde, dass sie Foucault nur aus der Sekundärliteratur kannten. Ich war schon versucht, ihnen verbessernd hineinzureden, als plötzlich die Klappe zur Küche aufging und Sebastian heraus kam, mit den zwei unwesentlich jüngeren Studenten etwas Smalltalk hielt und dann an mir vorbei aus dem Laden marschierte, ohne mich zu notieren. Auf der Karte standen Pommes Twister mit Majo und Ketchup, Backkäse mit Tomatensauce und Toast sowie drei Sorten Sandwich, eins davon vegan.
Appetitlich klang das alles nicht, dafür war die Bierauswahl großzügig und ich bestellte ein echt Augsburger Thorbräu bei einem der Studis; die Kneipe war, bis auf ein älteres Paar, vermutlich Touristen, und vier, fünf Studenten im hintersten Eck leer, da es noch nicht mal sechs Uhr war. Mein Thorbräu kam in dem Moment, als die Tür erneut aufging, und zwei lachende Frauen herein kamen, eine davon war Sabrina. Auch sie schien mich nicht zu erkennen; verdenken konnte ich es ihr nicht, ich sah damals ganz anders aus mit den schwarzen Haaren und der Irokese, dafür ließ es sich umso besser lauschen. Sabrina, obwohl noch immer mit androgyner Nichtfrisur in Kurz und in Trainingshosen, hatte eine schrille überzogene Kleinmädchenstimme, die unmöglich überhört werden konnte. In nach wie vor thüringischem Dialekt – ich wusste, auch Sebastian würde nach wie vor Thüringisch sprechen – beschwichtigte sie ihre Freundin, heute Abend gemeinsam kochen zu wollen, Richard könne ja auch kommen, der habe doch heute frei. Meine Ohren wurden spitz, als ich Ritchies Namen hörte, und bemühte mich, etwas näher an die beiden heranzurücken, die sich mittlerweile an der Theke niedergelassen und zwei Ginger Ale bei der armen Thekenstudentin bestellt hatten. Die andere, groß, blond, mit ausdruckslosem Gesicht und einem Pferdeschwanz (sie erinnerte mich auf irritierende Art und Weise an die urinprobentragenden Krankenschwestern aus Ritchies Praxis), antwortete dünn, das sei eine gute Idee. Dann diskutierten sie, was zu kochen sei und ließen abwechselnd Sebastians und Ritchies Lieblingsspeisen einfließen. Mir war das viel zu unemanzipiert, und ich empörte mich etwas über Ritchies schlechten Frauengeschmack; am meisten aber ärgerte es mich, dass Ritchie offensichtlich gar nicht da war. Ich wollte nicht noch einmal wiederkommen, und sowieso erschien mir Ritchie nun uninteressant zu sein. Wer so eine Beziehung führte… Jetzt sah ich auch den Ring an ihrem Finger, und je näher ich sie mir anschaute, umso deutlicher wurde die Kugel unter ihrem T-Shirt, sie war schwanger. Pah, das darf doch nicht wahr sein. Ritchie, wir haben uns einmal geschworen, auf Cypress Hill und auf Slime, dass wir beide kein bürgerliches Leben führen. Und du verrätst uns jetzt hier beide, mit diesem Pferdegesicht und deinem Bastard aus Pferd und Dackel. Ich stürzte das Thorbier hinunter und stürmte aus der Kneipe, sogar zu zahlen vergaß ich dabei.

Ganz am Schluss, am Ende des Internets, fand ich die Todesanzeige. Auf vogtland-anzeiger.de schwirrte plötzlich dein Namen inmitten eines schwarzen Rahmens und neben betenden Engeln. Unserem lieben Sohn und Bruder. RICHARD KUčERA. In Liebe, deine Mama Vera. Mein erster Gedanke war, dass ich es erstaunlich fand, dass der Vogtland Anzeiger eine Onlinepräsenz hatte.
Wie bist du gestorben, Ritchie? Bist du nach neun Thorbräu gegen einen Baum gefahren? Oder war es der Blutkrebs? Du nahmst aber keine Tabletten!? Sicher hättest du dir welche von ehemaligen Kommilitonen beschaffen können. An dem Tag, an dem du das Physikum verhauen hast. Die Beerdigung findet in aller Stille statt.
Ich stand hinter der schulterhohen Friedhofsmauer und blickte auf die winzige Aussegnungshalle inmitten des Greizer Gottesackers. Deine Mutter – ich vermutete, dass es deine Mutter war – stand auf einen Pflock gestützt vor der Halle und trocknete sich mit einem weißen Stofftaschentuch unablässig das nässende Gesicht. In ihrem Arm hielt sie ein Bündel weißer Heckenrosen, vermutlich aus dem eigenen Garten. Der Regen troff vom Himmel herab, wie man es aus Filmen kannte. Ich hatte eine Kondolenzkarte gekauft und hielt sie unter meinem Wintermantel verborgen, der einzigen schwarzen Jacke, die ich besaß. Ich schwitzte jämmerlich im warmen Sommerregen. Mein Schirm war ungünstigerweise pink. Doch Vera Kučera (ein Reim, dachte ich leise) sah weder den Schirm noch den Regen. Nun kam der Pfarrer mit einer goldberandeten Urne aus der Halle und schritt langsam und ernst den Kiesweg hinunter, während die Glocken läuteten. Im Gefolge: Die weinende Vera, ein Mädchen mit Pferdegesicht, dessen Identität ich nicht näher bestimmen konnte (war es eine deiner Arzthelferinnen, war es deine schwangere Freundin? War es schlicht deine Lieblingscousine aus Karlsbad?), ein älterer, verhältnismäßig gutaussehender Mann (Dein Vater?) mit einer blonden, großen, rundlichen Frau unter dem Arm (seine Neue?), Sebastian Demmering und ein Dackel. Bis auf den Dackel hielten alle einen schwarzen Schirm in der Hand. Als die Kolonne ein gutes Stück schweigend zwischen den Gräbern passiert war, betrat ich durch das gußeiserne Tor den Friedhof und versuchte unmerklich, an die Trauergemeinschaft aufzuschließen, soweit ich mit einem pinken Regenschirm eben unbemerkt bleiben konnte. Ritchie hatte Geldsorgen. Er hatte sich verkalkuliert mit der kleinen Bierstube, und an dem Morgen, als Marie ihm auf den AB sprach, dass sie ihn verlassen würde und zur selben Zeit sein Gerichtsvollzieher anrief, um ihm zu sagen, dass er seine Vespa pfänden würde, hatte er sich mit einem Strick aus dem Baumarkt im Kellerfenster aufgeknüpft. Wir hatten die Urnenstelle erreicht. Langsam senkte sich das goldblaue Porzellan in die verregnete Grube, Ritchies Mutter schluchzte jetzt laut wie ein jaulender Hund, alle anderen starrten ins Leere. Ritchie war beim Vespafahren um den Neusiedler See vom Weg abgekommen und tödlich verunglückt. Ritchie starb eines Morgens unerwartet, neben seiner noch schlafenden schwangeren Freundin an plötzlichem Herzversagen. Ritchie hatte von zu viel Cypresshillhören Ohrenkrebs bekommen, der Krebs streute und brachte ihn langsam aber sicher… nun gut jetzt, dachte ich im Stillen. Reiß dich zusammen. Ritchies Tod ist nicht witzig. Aber genauso unerklärlich war er doch. Woran solltest du schon gestorben sein? An einer Überdosis Gras? An Durchschnittlichkeit? An einer entzündeten Nasescheidewand?
Der Pfarrer stimmte ein Lied an, „Nun ruhen alle Wälder“. Vera Kučera(noch immer ein Reim, dachte ich leise) warf drei Schaufeln Erde auf die Urne mit Ritchies Asche drin. Was auch immer passieren würde, dachte ich. Ritchie war tot und würde tot bleiben.

Drei eilige Anekdoten

1.
Der ICE rauscht durch die Provinz, ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell man aus Leipzig im Nichts landet. Das heißt, das Nichts nennt sich selbst natürlich nicht Nichts, sondern weltbekannte Saale-Unstrut-Region. Seit einiger Zeit prangt an einem der Hänge sogar der überhebliche Schriftzug „SAALE-UNSTRUT-WEINE“, als befände man sich direkt an der amerikanischen Westküste. Bestimmt spielen die hiesigen Touristenbroschüren auch mit schlechten Wortspielen à la Schaum(wein)fabrik. Ich bin die Strecke tausendmal gefahren, es ist die Strecke Berlin-München, nicht mehr lange, da wird hier niemand mehr die Saale-Unstrut-Region durchqueren, da wird die Strecke über Erfurt umgeleitet. Also soll die Saale-Unstrut-Region von mir aus nochmal alles an Stimmungsmache aufbieten, was geht. In meinen Reflexionen über gelungene touristische Vermarktungsstrategien werde ich von Teenagern abgelenkt, die in „einfacher Sprache“, wie ich es nennen möchte, ihre letzten Schullektüreeindrücke zusammenfassen. „Da geht’s um so nen Typ, der will sich an Single Mothers ranschmeißen, deswegen hängt er mit den Kindern von denen ab. Eigentlich ist der halt voll der Psycho, aber das kommt erst später raus. Das Buch ist die meiste Zeit total boring“ – „vong Sprache her“ bin ich versucht, zu ergänzen, lasse mich dann aber doch nicht dazu hinreißen. Die Bagage steigt in Naumburg aus, irgendwie tun sie mir leid; an ihrem Wandertag in der Saale-Unstrut-Region herumzulatschen ist sicher so not instagrammable. Jena kommt schneller, als ich denke. Als ich aussteige, renne ich in die Arme von Anna, die gar nicht auf mich wartet, sondern auf Uli. Waren wir alle im selben Zug? Wir waren es. Anna redet auf mich ein, wie schick sie mein Outfit findet, aber ich kann nicht reagieren. Ist das etwa Justus Wertmüller, der in Jena Paradies hinter mir aus dem Zug steigt? Er ist es. Was zur Hölle macht Wertmüller im piefigen Jena? Dass er mich wie selbstverständlich von oben bis unten abcheckt – ich trage Bluse und Hotpants – wundert mich wiederum nicht. Bestimmt hält er nen Vortrag über den muslimischen Chauvinismus. No offense!

2.
Mein Kopf drückt ziemlich, die Luft ist in diesem denkmalgeschützten Gebäude nach einer halben Stunde so dermaßen verbraucht, dass man das Seminar auch gleich in der Hölle hätte abhalten können. Vorne schwadronieren Menschen über den Begriff der Repräsentation. Ich klinke mich nach etwa einer Stunde mental aus und lese auf meinem Smartphone unauffällig Gedichte über zischende Springbrunnen, kühle Limonade und einen Hund, den man vor dem sicheren Erstickungstod aus einem Auto rettete, indem man eine Scheibe einschlug. Wenn nur jemand käme, der die Scheiben des Frommannschen Anwesen einschlüge, um mich zu retten, denke ich wehleidig. Meine Gedanken sind eh woanders, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Dann endlich Raumwechsel, weil der Raum jetzt von einem anderen Kurs gebraucht wird (die armen, armen Schweine), ich kühle instantly ab; wir gehen in meinen Lieblingsraum der ganzen Universität Jena: den blauen Salon. Bestimmt haben Goethe, Hegel UND Marx hier schon rumgehangen und ihre Aura auf ewig in die Atmosphäre gebannt. Gott sei Dank kann man Aura nicht riechen, ganz im Gegenteil zu meinen verschwitzten Kollegen und Profs. Dann gewinnt die Diskussion auf einmal an Fahrt, es geht um verschiedene Interpretationen von Repräsentation und um aktuelle Streitfälle. Frau Krieg erzählt von einer ursprünglich in kritischer Absicht errichteten Galgen-Skulptur eines amerikanischen Künstlers, die jetzt zeremoniell von Dakota-Indianern verbrannt werden soll, weil die sich aufgrund ihrer Geschichte von der Skulptur angegriffen fühlen. Ich stelle mir unweigerlich die Frage, was Justus Wertmüller wohl dazu sagen würde, und melde mich. Es gäbe da noch ein anderes umstrittenes Beispiel, sage ich und beginne von Shahak Shapira und seinem „Yolocaust“-Projekt zu erzählen. Während die anderen Doktorandinnen zustimmend nicken, blicke ich bei den Profs in fragende Gesichter, und die Sitzung endet damit, dass ich fünf hochintellektuellen Professor_innen der Geschichts-, Literatur- und Kunstwissenschaft erklären muss, was YOLO bedeutet und was ein HASHTAG ist.

3.
Ich will nur noch die Fresse halten, nichts mehr hören und nichts mehr sehen, nur noch nach Hause; und dort am besten gleich ins Bett, nicht mal mit Saskia will ich heute mehr reden, ich glaub auch nicht, dass ich noch einen vernünftigen Satz für die Symphonie zustande bringe, so ausgelaugt, wie ich bin. Aber das habe ich mir so gedacht; natürlich fährt das halbe Kollegium Richtung Leipzig und Berlin, mit dem exakt selben ICE wie ich; und als hätte ich nicht schon genug mit den Historikern aus meinem Kolleg zu tun, fahren natürlich auch noch sämtliche Leute vom germanistischen Lehrstuhl mit; wieso wohnen plötzlich alle in Berlin oder Leipzig, das darf doch nicht wahr sein. Es nützt alles nichts, ich muss mich beugen und im Vierer neben zwei Kolleginnen und einem mir nur flüchtig bekannten Historiker Platz nehmen, komme, was wolle. Ich will eigentlich nur noch aus meiner Bluse raus und nackt unter der Dusche Postings auf Facebook und Instagram abliken, ohne Sinn und Verstand.
Der Historiker bricht eine Diskussion über Nerds und Nerdigkeit vom Zaun, während draußen wieder SAALE-UNSTRUT-WEINE vorbeifliegt und ich mir jetzt nichts sehnlicher wünschte, als in der Saale oder der Unstrut oder am besten gleich im Saale-Unstrut-Wein zu baden. Als Beispiel für Nerdigkeit führt er eine Episode aus seinem letzten Forschungsprojekt an. Er forsche über einen Massenmörder, der eigentlich kein Massenmörder sei, dem die nationalsozialistische Polizei nur alle möglichen Morde untergeschoben habe, um dann an ihm menschenverachtende Experimente durchzuführen. Über ihn gäbe es allerlei Verschwörungstheorien und fehlerhafte Informationen, und wenn man auf dessen Wikipediaseite gehe, gäbe es dort seitenweise Diskussionen zwischen Hobbyhistorikern, die alle glaubten, sich mit diesem äußerst komplexen Kriminalfall auszukennen und sich Debattengefechte über die korrekte Version der Geschichte lieferten. Das finde er nerdig, meint Herr Dollmann. Sich so ausufernd mit diesem Fall auseinanderzusetzen und DANN AUCH NOCH zu veruschen, in Internetforen andere von seiner eigenen Version der Geschichte zu überzeugen. Geradezu absurd! Er habe darüber jetzt ein Buch geschrieben, ein Zehn-Jahres-Projekt gemeinsam mit seiner Freundin, in dem er eine ganz neue Deutung des Kriminalfalls und dessen Rezeption seit dem Tod des Nicht-Mörders im Jahr 1944 bis zum heutigen Tag aufrolle; für das er kistenweise ungesichtetes Material ausgewertet und massenhaft Interviews geführt habe. Schließlich packt er sogar einen Vordruck des Buches aus und breitet diesen auf dem winzigen Tisch des ICE-Vierers aus. Während er wie wahnsinnig in dem Blätterwust herumfuhrwerkt, rückt er immer wieder seine riesige schwarze Hornbrille zurecht, was zu Kunstpausen führt, ungeachtet der Tatsache, dass das ganze Abteil mittlerweile an seinen Lippen hängt. Er ist mir grundsympathisch, und ich bedaure wirklich, dass Leipzig schneller kommt, als ich denke. Zuhause angekommen, bestelle ich mir als erstes Herr Dollmanns Buch vor.

Alle meine Sommergedichte enden mit dem Tod

Bei Sonnenuntergang allein sein
Und Ameisen ziehen vorbei
schleifen die Leiber ihrer Toten
über den heißen Teer
ein altes Weib schleift ihren Einkauf
hinter sich her
zerreibt die Toten unter dem
gleißenden Stein

Als im Vorjahr
der Sommer über die Dächer kam
und ich in deinem Arm lag
hab ich beim Küssen nicht an dich gedacht
bis es Nacht war
starrten meine Augen auf das Nachbardach
hinter dem das Licht versank

Heute kreist
die Einsamkeit wie ein
Aasgeier über mein träges
Gebein und der Sonnenuntergang
verheißt mir
Sterblichkeit.

Straße des 18. Oktober

Mit dem Rad die Straße des 18. Oktober
hinabbrettern, an deren Ende
der rote Stern steht.
Mein Herz schlägt über jede
DDR-Betonplatte
auf dem Gehweg
und meine Zähne klappern.

Es ist Sommer. Es scheppert
in meinen Kopfhörern,
der Wind weht…
Mein Herz schlägt in
Rittgeschwindigkeit,
mitten auf der Straße
beginne ich, mitzukreischen
Durch die Lindenblüten
bis in die Windmühlenstraße
kann man gleiten mit dem Rad
in der Schwüle
und die Sonne scheint.

Mein Herzklopfen reicht vom
Sonnenaufgang bis zum
Gewitter.
Mein Herzmuskel wird
vom Trainieren auf dem
Radl immer fitter
aber

Wenn du den ganzen Tag in der Schwüle stehst frisst sie dich auf

deshalb trete, trete immer weiter
in der Schwüle
über die Messe drüber
bis du schwindlig bist,
trete,
trete immer weiter
bis zum Südfriedhof,
trete
und schmeiß dein Rad in die schattige Kühle
lege
dich auf ein Grab
dann hört das Klopfen
vielleicht auf.

Schwarze Romantik

Können wir nicht
im Gras liegen wie im Film
und die schwere süße Luft
atmen und sonst gar nichts
kennen, gar nichts
fühlen
außer uns
unter dem
Sommerhimmel?
Können wir nicht
die Zecken beißen lassen
die Borreliose unsere
Körper aufblähen
und auf angeschwollnen Stümpfen
Hand in Hand
durch den Sommer
humpeln?
Können wir nicht
sterben, Aug in
Auge, mit der Zunge
in der Mundhöhle des anderen,
verschlungen knutschend, du
in mir und ich um dir herum
bis der Himmel
schwarz wird?

Liebeslied

Wir liegen im Park,
du hast deine Augen geschlossen
und deine Lider sind
verführerisch wie ein verschlossener
Buchdeckel aus Leder
du öffnest sie wieder
und Schriftzeichen überfluten
meinen Körper,
den du nun liest.
Deine Stimme umfliegt
mich wie der Wind
und du nimmst mich
als Schrift wahr und als
Melodie eines Liedes,
das dich glücklich stimmt.
Du klingst aufgeschlossen,
als deine Stimme in mich eindringt
auf mich
eingestimmt ist
Der Park wird zum Klanggarten
und zur Bibliothek,
die du liebst, zum
Labyrinth.
Du und ich
wir lieben uns im Gras
wir lieben uns in der
Literatur
wir lieben uns in der Musik
und im Wind.
Das Buch schließt sich wieder,
aber deine Lieder
klingen noch immer
in den Wiesen des Parks.

Maitag

Der Flieder üppig
die Vögel lüftig
eine Amsel wühlt
im Laub des dahinsinkenden Winters.
Hasso schnüffelt
an den Gänseblümchen
und tritt sie tot
beim Rasenkoten.
Die Sonne lockt des Frühlings Boten,
bunt tummeln sich die Kinder, lärmend.

Es weht durch blütenschwangre Lüfte
der Streit jugendlicher Paare.
Sie schluchzt verletzt
und er, vernünftig
rupft Gräser aus als wärens Haare.
Ein Mädchen grinst ins Smartphone, künstlich
die Rentner haben nichts zu sagen
dazu Tirole eifrig zilpen
und bunte Spechte hämisch lachen.
Schwärmend
fliegt auf die wolkenlose Wiese
ein Falter aus dem Paradiese
verscheucht von Rasenmähers Krachen.

Warszawa

Plac Grzybowski
der Stalinprunk funkelt nass
hinter den Scheiben Tulpen. Und Jazz.
und Kawa.
Ich bin müde.
Ein Stück Tarte au Citron?
Du lädst mich ein ich verneine
aber deine Erziehung duldet keine Bescheidenheit
der Kuchen wird einverleibt
deine Augenringe schweigen.
Ich glaube nicht an Christus
sagst du
ich glaube an Baconchips
– wenn du lachst, bist du Phoenix,
wenn du rauchst, bist du Sartre –
die Tarte schmeckt
nach Beton
statt nach Zitronen das ist Polen
du reibst dir den Bart, ich will
de Beauvoir sein.
Woher ist der dunkle Schein
unter deinen grünen Augen?
Aus Warschau
sagst du
und Speck bröselt über deinen Mund
als deine Zunge sich löst
Ich finde keinen Schlaf in Warschau
ich höre die Toten im Boden
unter dem Beton,
ich gehe ihnen nach
schlaflos
aber ihre Spur
verliert sich zwischen den Kränen und Dächern
die da ragen wo vor Jahren noch plan war
Ich hätte statt Kawa
jetzt lieber ein Dosenbier
an der Weichsel. Nur nicht
an tote Polen denken
ich bin müde
du naschst versunken von den fruits confits in Kleinparis
du niest
die Tulpen
du hustest und
verschluckst dich
ich verschling deine letzten Krümel und küsse
die Fruchtstückchen aus deinen Mundwinkeln.

PVZ

[Im Überarbeitungsmodus. Feedback erwünscht]

Der Regen pisste auf die Straßen. Er hockte im Slav squat vor dem Dönerladen seines Besten und blies den Kippenrauch in die City. Mit dem rechten Daumen wischte er Regentropfen und Tinderdates über das Display seines Smartphones, mit dem linken Ellbogen stützte er sich unbequem auf dem Treppenabsatz ab, die Zigarette mit der vorgehaltenen Hand vor dem Regen abschirmend. Es war eine ungünstige Sitzposition, aber auf der Treppe zu sitzen und den Eingang zu versperren ging gar nicht, außerdem war Russenhocke hip, nicht nur bei echten russischen Ghettokids wie ihm. Dem Rauch hingen ein paar Gedanken nach. Sein Alter. Böblingen. Die Reise. Und hin und wieder die Chicks. Die Neukölln Chicks mit ihren Katzen- und Pandaaugen. Für heute waren sie sein geringstes Problem. Er drehte die nasse Kippe zwischen Daumen und Zeigefinger unruhig hin und her, ein letzter feuchter Zug, dann ging er zurück in HAKIKI IMBISS, presste sich an den essenden Gästen vorbei in den Eckplatz am Fenster und drückte sein Gesicht an die Scheibe, sodass die Mitesser daran kleben blieben.
Eine Weile starrte er, mit seinem Knie ununterbrochen gegen das Tischbein kippelnd, hinaus auf die blinkende, nasse Karl-Marx-Straße. Eine triefende Müdigkeit überkam ihn. Er würde gleich Ciao sagen müssen. Ciao zu Berlin, Ciao zu Hakan. Wenn der Brudi endlich Feierabend hatte. Dennis trommelte geistesabwesend auf den fettigen Tisch, checkte zwei-drei Mal sinnlos seine Mails, fummelte sich am Basecap herum, schmierte etwas vom Haar- und Tischfett unbeabsichtigt in seinen Bart und packte schließlich das Drehzeug aus, nur die scheiß Finger machten nicht, was er wollte. Tut euren verfickten Dienst. Er ballte sie zur Faust und boxte auf den Tisch. Was für eine Scheiße. Da kam Hakan mit zwei Fladenbroten und einem Teller Dönerfleisch. Monsterteller Dönerfleisch. Ey Alter, was machst du? Hakan sah ihn vorwurfsvoll und zugleich belustigt an. Mach lieber mal Platz. Dennis rutschte brav zur Seite.
Sie quatschten eine Weile über dies und das. Nervige Kunden, Hakans stressige Ex, Hakans stressiger Vater, der ständig Stress machte wegen Hakans Schwester, Hakans stressigen Gymplan, der aber immerhin Ergebnisse zu zeitigen schien. Wenigstens was. Hakan spannte seine Brustmuskeln an und ab, an und wieder ab. Siehst du das? Dennis kaute nickend auf dem Fladenbrot herum, das sich in seinem Mund zu einem Stück Gummi verwandelte und hoffte, Hakan würde irgendwann auf seine Abfahrt zu sprechen kommen. Die Uhr an der Bushaltestelle zeigte kurz vor fünf. Ich muss los, Brudi, platzte es aus ihm heraus. Wir schreiben, ok? Hakan fiel ein Kringel Dönerfleisch aus dem Mund als Dennis ihm beim Aufstehen mehrmals hart auf die Schulter schlug. Hakan fasste sich mit der Hand an die Stirn. Scheiße – Sorry Mann! Klar Mann! Vergessen hatte er nicht. Aber die verfickte Arbeit, Alter; den ganzen Tag in der stickigen Bude hinter dem heißen Grill und dann die Menschenmassen, die sich an einem Samstagnachmittag durch Neukölln schoben und sich im HAKIKI für das Powershopping mit der Freundin stärken mussten. Den ganzen Tag Kraut und Tomaten schnippeln und unfreundliche Weißbrothipster bedienen, du weißt doch wie das ist. Lass stecken, sagte Dennis, weil er wusste, wie es war; weil er wusste, wie Hakan war. Mein Bruder verrät mich nicht, das war Deal. Aber Dennis musste jetzt wirklich los.

Er ließ sich von Hakans Mitarbeiter eine orangefarbene Plastiktüte geben, packte das Fladenbrot hinein und sprintete durch den Regen zur U-Bahn. Mit der U-Bahn zum S-Bahnhof Neukölln. Mit der S-Bahn zum Südkreuz. Am Südkreuz stieg er in den Regionalexpress, mittlerweile nass wie ein Hund, weil er am Bahnhofsvorplatz noch eine hatte rauchen müssen. Als der Regionalexpress langsam lostuckerte, brach sich der Regen endgültig Bahn. Er verwandelte die Fensterscheiben in Kaleidoskope. Dennis zog seine Trainingsjacke aus und holte seinen zerschrammten Discman aus dem Rucksack und eine CD-Tasche mit mehreren hundert Fächern aus Schutzfolie. Den erstaunt hochgezogenen Augenbrauen der Frau gegenüber warf er ein überlegenes Grinsen zu. Vintage, Alter. Demonstrativ zog er R-Kellys „R“ aus einer der Schutzhüllen und legte die CD ein. If I could turn… Er lehnte sich zurück, sein Nacken tat scheiße weh, entspann dich jetzt, Mann, sein Smartphone vibrierte.

Machst du heute abend was? Ich hab Lust dich zu sehen.
Kannst du vergessen. Nur weil dein scheiß Typ heute nicht da ist. Bin ich dein Sklave oder was. Ein Glück bin ich nicht in Berlin. Ich würds nicht packen, abzusagen. Obwohl ich keinen Bock mehr hab, weißt du. Es fickt mir jedes Mal das Herz wenn ich vor dem Schlafen gehen wieder abhauen muss. Wenn du meine Nachrichten löschst, damit er nichts checkt. Ihr mir am Sonntag früh Hand in Hand auf der Sonnenallee entgegen kommt, während meine Frühlingsgefühle nur chemischer Dreck sind. Er schrieb: Sorry nope. Bin auf dem Weg nach B. zu Baba.
Baba? Du meinst nach Stuttgart?
Böblingen.
Was willst du denn bei deinem Alten? Ich dachte, der interessiert sich nicht für dich.
Danke, dass du mich nochmal daran erinnerst, Kira. Hätte es fast vergessen. Du verstehst echt was von Gefühlen. Das sensible Geschlecht. Ein Witz. Ich kotze. Wieso fragst du überhaupt. Als ob es dich interessiert. Du bist doch nur pissed, weil ich nicht kommen kann und du jetzt keinen Dummen hast, der dir die Zeit vertreibt. Er schrieb: Ich muss was regeln mit ihm.
Was denn?
Alter, Kira, was denn. Come on. Was willst du von mir. Er versuchte zu schreiben, aber er bekam es nicht hin, seine Finger fühlten sich taub und steif. Nicht mal die scheiß Cola bekam er jetzt auf. Fuck my life. Baba hat verdammt viel für Agi und mich riskiert. Er ist nach Deutschland gezogen, ohne ein Wort deutsch zu sprechen. In Bishkek war er Architekt, er hat scheiß Preise gewonnen. In Deutschland war er ein Niemand. Mat ist nicht mit. Sie hat dann deinen besten Freund gefickt und uns im Stich gelassen. Wenn du uns verdroschen hast, dann nur wegen Mat, und wegen der Deutschen. Deren rassistische kack Sprüche du wenigstens nicht verstanden hast.
Draußen zogen ostdeutsche Käffer vorbei. Mit dem Süden kam auch die Sonne. In Dessau stieg er um in die S-Bahn nach Leipzig. Jetzt war es wieder richtig Juli, die Abendsonne strich ihm durch die Locken, die unter seiner Basecap hervorflogen. Ein Eis wär jetzt geil, Beach oder Cornetto. Kindheitssentimentalität. Aber die Umstiegszeit war zu kurz und Dennis musste sich beeilen.

Yannic, Brudi, was geht? Sitz jetzt in der S-Bahn nach Leipzig. Dauert noch. Gehn wir dann Pizza essen wenn ich bei dir bin? Hätte übelst Bock.
Geil Alter. Ich hol dich ab. Wann kommst du an? Wir müssen sehen, ob in Gera noch was geht wenn du kommst. Dreckskaff, Alter.
Yoo Mann, fuck. Ich bin verwöhnt aus Berlin, haha. Ich bin gegen zehn bei dir, ok?
Und ich freu mich dich mal wieder zu sehen. Wie lang ist es her? Fünf Jahre? Jedenfalls noch vor der Haft und bevor alles endscheiße geworden ist. Ich hab dich krass vermisst, Alter. Was Dennis aber nicht schrieb, weil er es schwul fand. Und außerdem hab ich nie geblickt ob du nicht auf Männer stehst. Ganz ehrlich. Deine letzte Hecke sah aus wien Boy, ich hab euch auf Instagram gesehen. Und es war auch ganz schnell wieder Schluss. Ich hab nichts gegen Schwule. Aber ich würde trotzdem nicht wollen dass du dich in mich verliebst oder so. Zumindest heute würde ich das nicht mehr wollen. Damals war es einfacher, schwul oder nichtschwul, scheißegal, als wir beieinander übernachtet haben, dann immer zusammen in einem Bett. Wir waren eigentlich schon erwachsen. Aber das zählt nicht, es ist ewig her. Im Sommer hast du immer krass Sommersprossen bekommen. Deine Badeboxershorts war uralt, sie hat dir längst nicht mehr gepasst. Die Sonne hatte sie weiß gemacht. Und zwei Nummern zu klein war sie auch.
Sehr geehrte Reisende. Bitte beachten Sie. Aufgrund einer Betriebsstörung verzögert sich die Weiterfahrt um wenige Minuten. Wir bitten um Entschuldigung.

Dennis schreckt hoch, was geht? Wir stecken in der Pampa fest. Wo zur Hölle sind wir? Bei Bitterfeld, sagt ein älterer Mann zu seiner Frau. Das hat jetzt gefehlt. Sein Rücken tut auch schon wieder weh. Er steht auf, läuft ziellos durch den Zug und schaut hier und dort aus den Fenstern, Rauchen wär jetzt geil, so eine Scheiße. Er geht auf die räudige Zugtoilette, schließt sich ein, holt seinen Tabak raus, baut sich eine, zündet sie an, zieht zwei Züge durch und wirft sie dann wieder ins Klo. No way. Er kann es nicht bringen, er muss heute noch ankommen; jetzt aus dem Zug geschmissen zu werden wäre fatal. Kippen im heimlichen Versteck schmecken außerdem immer scheiße. Als Baba damals mit dem Rauchen aufhörte und uns das Rauchen verbot, da hatten die Zichten drei Wochen lang nur nach Teer geschmeckt. Er nimmt seine Mütze ab, streicht sich ein paar Mal durch die Haare, wirft sich selbst anzügliche Blicke zu mit hochgezogenen Augenbrauen. Hey sexy. Dann schließt er wieder auf und setzt seine Patrouille durch den Zug fort. Es ist Freitagabend, im ganzen Zug sitzen junge Leute, die nur raus wollen aus dem verkackten Dessau, Jeßnitz, Wolfen, Greppin oder wie auch immer diese Käffer hier heißen. Raus nach Leipzig. Aber der Zug rührt sich nicht. Die Minuten dehnen sich, draußen ballert noch immer die Sonne, drinnen ballert der Schweißgestank.
Sehr geehrte Reisende. Aufgrund eines Betriebsschadens können wir die Reise leider nicht wie geplant fortsetzen. Unsere Weiterfahrt verzögert sich um weitere 30 Minuten.
FUCK, fuck, FUCK! Dennis probiert es fünf Minuten lang mit R Kelly, als es erwartungsgemäß nicht funktioniert, schließt er sich nochmal in die Bahnhofstoilette ein, um diesmal ganze drei Züge zu ziehen (die Schaffner haben Gott sei Dank nun andere Sorgen), dann wird ihm bewusst, dass er sich langsam aber sicher mit der Idee anfreunden muss, seinen Anschlusszug nicht zu bekommen und sich einen Plan B zu basteln, für den Fall, dass es nicht klappt, mit dem Zug nach Gera. VERFICKTE SCHEISSE!

Dennis überlegt kurz, ob er mit dem Nothammer die Scheibe einschlagen und sich über den Feldweg aus dem Staub machen soll. Wie weit kann es schon sein nach Leipzig? Dann denkt er an die Bullen und sein Nacken fängt wieder an zu brennen. Eine andere Idee kommt ihm in den Sinn. Am Boden seines Rucksacks liegt noch eine warme Flasche Sternburg. Nicht geil, aber Bier. Er zischt sie auf, stürzt drei, vier Schlucke übereilt herunter und marschiert dann wieder durch den Zug. Ganz hinten ist noch ein leerer Vierer. Im Vierer gegenüber zwei seltsame Ischen, die aufeinander einlabern. Er bugsiert sich auf den freien Vierer und tut, als würde er wichtige Dinge auf seinem Handy regeln. Seine Cap zieht er ins Gesicht. Die Ischen lässt er nicht aus den Augen.

Die eine ist groß und trägt einen komischen olivefarbenen Overall. Dazu einen strengen Pferdeschwanz und High Heels. Sie sieht aus wie eine Soldatin, ist aber keine, weil sie High Heels anhat und eine häßliche Lacktasche um. Das soll Style sein. Military Look oder sowas. In Berlin schon seit drei Jahren out. Die Tasche sieht auch kacke aus. Aber die Ische ist nicht übel. Ganz hot. Nicht so hot wie Kira, klar. Aber nicht übel. Ihre Freundin ist ganz anders. Sie ist klein und süß und rundlich und ihr Kopf doppelt so groß wie ihr Körper. Sie hat krass abstehende Naturlocken, wie eine Afroalte, denkt Dennis. Ein paar bunte Dreads sind auch drin und sie trägt ausschließlich Mädchenfarben; pinke Sneakers, lila Kleid und lange Hippieketten mit Blumen. Beide sind schon älter. Dürften sein Alter sein. Alte Dorfbratzen, denkt Dennis. Er grinst die Soldatin offensiv an, aber die zieht die Stirn kraus und guckt weg. Bei der Hippiebraut hat er mehr Glück.
Ey, Ladies? Er hat jetzt sein Checkergesicht aufgesetzt. Wisst ihr, wo heute noch was geht? In Leipzig mein isch. Cool die Augenbrauen hochziehen, den Unnahbaren geben. Die Brustmuskeln anspannen, nur für alle Fälle.
Die Hippiebraut lächelt ihn herzlich an. Nice.
In Leipzig geht so einiges. Wir wohnen dort. Ich hab von nem Rave auf ner Brache bei Plagwitz gehört.
Rave. War ja klar, dass die Hippiebraut sowas bringt. Was wird da gespielt, Goa? Bin ich raus ey. Geht gar nicht. Er grübelt kurz über das Wort ‚Brache‘. Es klingt wie Braut und Drache. Er stellt sich eine verrückte Alte vor, die Feuer speit und mit ihren Flügeln alles kurz und klein schlägt. Er kippt gleich nochmal ein paar Schluck Sterni runter und wird langsam munter.
Ah ok. Wie komm ich dahin? Irgendwie das Gespräch am Laufen halten. Frag irgendwas, egal wie dumm.
Wir wohnen in Plagwitz. Du kannst dich ja einfach uns anschließen und dort aussteigen. Wir laufen sicher dran vorbei.
Jackpot. Die Soldatenalte verdreht ihre Augen und blickt ihre Freundin verständnislos an. Jetzt gleich speit sie Feuer auf die Hippiealte, denkt sich Dennis.
Cool, danke! Wie heißt ihr, wenn ich fragen darf? Und wo kommt ihr her?
Die Soldatenalte ist jetzt richtig pissed und atmet hörbar aus. Ein bisschen freut es Dennis und er grinst die Hippietante doppelt so breit an.
Wir haben eine Freundin in Dessau besucht. Die arbeitet dort am Theater als Dramaturgie-Assistenz. Alte Uni-Kommilitonin. Haben zusammen Germanistik studiert. Magst du Theater?
Öh, sagt Dennis und trinkt weiter Sternburg. Ein neues muss her. Keinen Plan was eine Dramaturgie-Assistenz macht, Alter. Aber man muss jetzt am Ball bleiben. Der Zug bewegt sich immer noch keinen Meter vorwärts. Der Nacken tut zur Abwechslung einmal nicht weh. Aber Germanistik. Fuck.
Öh yo, klar. Theater is voll geil Mann. Ich hab selber Theater gespielt in der Oberstufe, yo. Haben so ein Stück gespielt von einem Typ, der Rache übt an seinem Onkel, weil der seinen Alten umgebracht hat. Könige und so Scheiß. Macht. Intrigen. Echtes Drama, Mann.
Die Hippietante nickt begeistert und strahlt. Hamlet!
Äh yo, easy. Glaub das hieß so. Ich komm aus Berlin, weißtdu. Das ging nicht so klar mit dem Theater dort. Wir waren nur Jungs in der Gruppe. Alles Kanaken und Russen. Da haben wir dann auch die Weiber gespielt, lol.
Dennis hält inne. Was erzählt er da gerade? Reiß dich zusammen, Alter. Fast hätte er weitergequatscht in seinem Flow. Dass ich die Frau war. Ophelia, so hieß die Ische. Und Yannic war Hamlet. Und wir haben uns geliebt. Auf der Bühne. Alter war das schwul.
Dennis kriegt eine Gänsehaut. Dass er in Yannics Armen liegt, vor der ganzen Schule, mit einer scheiß blonden Perücke macht ihn fertig. Wo kommen die Gedanken her? Sie waren weg, er hatte sie vergessen, zehn Jahre lang waren die Gedanken nicht da, einfach weg. Sein Knie fängt jetzt wieder zu zittern an. Fuck, Yannic.

Die Hippiealte scheint begeistert, sie lacht laut. Quatscht irgendwas über Gender, was Dennis nicht interessiert. Quiekt. Dann fängt sie an, über sich zu erzählen. Dennis kriegt soviel mit, dass sie Unikram macht. Intellektuellenzeug. Kann er gerade nicht mithalten. Er ärgert sich. Wäre Baba nicht so dermaßen durch im Schädel gewesen nach seiner Flucht durch halb Europa, Dennis wäre vielleicht auch ein Philosoph geworden. Baba hätte ihm bestimmt den ganzen Scheiß gelehrt. Architektur, Kunst und so was. Jetzt kann er nur zuhören.
Ich bin auch Künstler, sagt er dann.
Ach wirklich? Die Soldatenalte bewegt sich jetzt auch endlich. Damit kriegt man die Weiber wieder rum. Künstlertum. Pah. Eins ist sicher. Er kann jetzt nicht wieder an die Schauspielnummer denken. An Yannic. Die Badehose. Den Bühnenkuss. Bühnenkuss? Fuck. Er ist keine verdammte Schwuchtel.
Yo, ich bin Rapper. Er wartet einen Moment, um das Gesagte ankommen zu lassen. Die Mädels lauschen andächtig.
Ich heiße Dennis. Dennis PVZ.
PVZ? fragt die Soldatin. Sie ist eigentlich doch nicht so hot. Dennis Hände schwitzen und krampfen.
Dennis PERVERS, hört er sich sagen. Es klingt überhaupt nicht cool. Nur seltsam wahr.
Die Ischen lachen. Dennis hört nur mit halbem Ohr hin.
Ich war mit Sido in einer Klasse, Alter. Reißt das die Story raus?
Kam da grade nach Berlin von Böblingen. Als ich klein war, lebte ich in Böblingen. Einem Kaff bei Stuttgart. Aber geboren bin ich in Kirgistan. Mein Vater war Architekt. Ein verdammt guter. Er hat Bishkek mit aufgebaut. Ein Künstler. Aber Kirgistan ist Dreck. Er ist dann mit mir und meiner Schwester nach Deutschland. Das heißt, meine Mutter, die Fotze, lebt immer noch in Bishkek.
Bei dem Wort „Fotze“ hat sich das Gesicht der Soldatenalten wieder verdunkelt. Sie zieht die Augenbrauen hoch, darin steht Missbilligung geschrieben. Aber Dennis kümmert sich einen Scheiß. Er ist jetzt in Fahrt. Und erzählt von seinem Leben. Von der Zeit in Böblingen. Und dem Umzug nach Berlin Und von den Deutschen. Ihrer Sauberkeit. Und wie er in Ghetto-Kreise hineingerät und Rapper wurde. Und wie das mit den Diebstählen anfing. Und wie er dann geschnappt wurde und in den Knast kam. Fuck Cops. Und dann gleich Forensik! Dennis erwähnt die Medikamente. Und die Menge. Und die Krankheit, die er jetzt davon hat. Und er erzählt von seinem Besuch bei Baba. Von ihrem Scheißverhältnis. Weil Baba an allem Schuld ist. Und dass er Zwischenstopp machen will, Zwischenstopp in –
äh, Leipzig, sagt er jetzt. Er sieht Yannic vor sich. Der Zug fährt inzwischen wieder. Tuckert langsam vor sich hin. Es ist jetzt kurz vor neun. Dennis hat den Überblick über Zeit und Raum verloren. Die zwei Ischen schauen ihn ungläubig an. Vielleicht war einiges davon zu viel des Guten. Was sie ihm glauben, weiß er nicht. Ist ihm auch egal. Er weiß jetzt nur eins: bloß nicht nach Gera fahren.
In Leipzig angekommen beschließt er, die Hippiealte direkt zu fragen. Kann ich vielleicht bei einem von euch pennen?

Exkursion

Staub quillt aus den Bussitzen
wie Pilzsporen
wenn wir draufspringen
und aufsteigen wie Partikelwolken
im Sonnenlicht

Herr Nehrlich lässt
die Leviten lesen: Disziplin!
ist unsere Sache nicht
sie gerät abhanden beim Anschmachten
des Schwarms aus der Achten
der über AC/DC fachsimpelt
nicht über den römischen
Limes

Zu den alten Gräbern tragen wir
Nazis raus Buttons und Haselnusschnitten
Zigarettenstummel
die heimlich verschwinden in den
Ritzen
wir essen Pizzen im schäbigsten
Dorfitaliener, schmökern die
Girl und kommen uns näher
während
das aufgeweichte Pausenbrot lästerlich
in den Müllkübel fliegt:
Hitler ist tot und Deutschland
besiegt