Urlaub mit M.

ich sehe dich in Rom
auf der Ponte St Angelo
im untergehenden Licht
den steinernen Mauern der
Engelsburg entgegen
sie leuchten du bist
mal wieder vorneweg
gegangen über die
jahrtausendalten Steine und ich
mit meinen
geknickten Flügeln
hinter dir

ich sehe dich in
Brüssel in einem Café
wir trinken Bier wir sind
leicht du
leihst mir deine Hand
und dein französisch
ist sicher wie
dein gang im
wehenden Mantel über
die verregnete Rue de
la Montagne du beflügelst
mich du beschützt
mich vor islamisten
sagst du, ich glaube
dir nicht

ich sehe dich
in Amsterdam wir kiffen
im Oosterpark
für Theo sagst du
der frühling blinzelt
in bündeln von osterglocken
über die grachten
das anne frank
haus zu überlaufen,
lass kunst schauen, wir rauchen
und auf dem rückweg im flieger
sind wir erschöpft
von zu wenig sex
im hostel

ich sehe dich
in vilnius von unserem zimmer
im russischen viertel aus
mit blick auf die barocke altstadt
du bist müde geworden vom
reisen, dem holocaust oder von
meiner art, ich strenge
dich an und du bist
nie gut genug
wir können beide keine
engel in orthodoxen
kirchen mehr
ertragen

an der lettischen küste
zwischen den dünen
weiße dicke möwen fliegen wie
schutzengel über unsere
körper der sommer
strahlt durch ihr gefieder
ich streiche über
deinen schönen
nackten rücken
wir ruhen jetzt
und ich küsse
die weißen stellen wo einmal
deine flügel befestigt
waren

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resurrectio

wir trafen uns in fremden betten
auf lattenrosten, die verkrustet
waren mit schweiß und weißen
samenspuren von aberhunderten
von paaren

drin flogen wir wie junge störche
den horst gebaut auf himmelsbahnen
und unsre nasenflügel ahnten
dass wir aufflögen
als wir uns atemlos umgarnten

wir nannten niemals unsere namen
denn namen bewahrten eine matrix
die wir durchbrachen mit unseren
küssen. die uns beatmeten
bevor wir starben.

fährnis

gewässer und erde sind so üppig mit
gelbem blattwerk bedeckt,
dass die grenze zwischen tragendem
boden und unsteten abgrund,
dessen tiefe mich
aussichtslos anzieht,
gänzlich verschwimmt.

noch stehe ich auf ebenem
terrain.
noch fliegen nur meine augen
in die schwarze nässe.
noch krampfen sich meine zehen
um das feste,
noch.

wenn ich meinen blick
für das limit verliere:
werde ich an klippen
zerspringen
oder glücklich
ertrinken?

winter is coming

Es wird kälter.
Nebelkrähen kreisen
über den Weihern, die
blauen Eichelhäher zu verdrängen.
Berge und Seen
versteinern zusehends
und beraureifte Zweige
weisen voraus
in die Eiszeit.
Du weißt gar nichts.

Du weißt gar nichts,
gelber Herbst. Deine vollen
Lippen strotzen noch
vor Sommer und vor Feuchtigkeit.
Die Süße deiner reifen Früchte
beschwipst meine Sinne
und ich sonne ich mich in deinem
sanften letzten Strahlen.
Wärm mich noch ein Weilchen, Herbst,
bis deine Farben
endgültig verwaisen.
Umschling mich
in deinem Blätterfittich
bis weiße Wanderer einreisen.

widerspiegelungstheorie

in meinen träumen
immer wieder der
spiegel und hinter ihm
noch ein weiterer.
und dein gesicht
neben mir und
vor mir im spiegel,
immer kleiner werdend.
wie eine tür in die
unendlichkeit.
ich verliere meinen
blick, der längst ver-
schmolzen ist
mit deinem,
im spiegel.
immer tiefer hinab
reflektierend.
und als ich falle,
mit magenziehen,
frage ich mich, ob
dein blick
wirklich mich sieht
oder sehen wir
nur gegenseitig
unsere widerspiegelung,
immer kleiner werdend,
wie eine tür in die
unendlichkeit?

Halloween

aus den hinterhöfen neuköllns
äugen heute monster: die
todesangst spielt auf zum
untotentanz. sag:
wenn meine zombies
zurückkriechen aus der vakanz,
sag, hälst du in der leichenhalle
meine hand?

im schillerkiez sind mir
vampire auf dem fuß,
denn ich blute das leben auf meine schuhe.
merkst du? blutstropfen
markieren meine spur,
merkst du? ich lebe ja noch!
ich sterbe nicht nur.

du stirbst nicht nur, sagst du.
das im-moment-sein trägt
auch die sterblichkeit. ich weiß:
du bist weise. wir erreichen die
hasenheide.
um die häuser streift noch immer
ein heulendes skelett.
sag, schlafen wir heute in einem bett?

glückliches versehen

ich habe deine wunde aufgekratzt in der mitte deines
brustkorbs, eine wunde, die du gehütet hast wie einen
urwald, ein stück eingezäunter wildnis, von außen
kaum zugänglich, nicht mal für deine eigenen
finger. sie lag die letzten jahre brach, aber
unbeschadet da, unsichtbar für die augen der holz-
fällerinnen und forstbeamten. bevor meine nägel sie unbeirrlich
fanden
und verletzten.
bevor triefendes harz aus deiner rinde
rann, bevor dein holziger körper sich verwandelte in
versehrbare flüssige masse.
und meine hände versuchen linkisch,
was sie aufrissen, zu
fassen.

tiger magic

Es dunkelt wieder
in den Kanälen dieser Stadt.
Nur der Mond reißt ein gelbes Loch
ins schwarze Sandpapier.
Du und ich, wir tigern matt
über die Seitenarme
durchs Revier.
Tiger sind furchtsame Tiere.
Sie lauern plattgedrückt in schummrigen
Flussmündungen, wo das Watt
steht, auf eine Tatze,
die sich anschmiegt
die schweigend die schwarzen Risse
im gelben Fell kittet.
Aber wie alle Katzen
fliehen auch Tiger den finalen Satz
in das Nass.
Und so schmirgeln wir bloß
Worte aneinander glatt, bis unsere Lippen
weich gerieben sind, als hafte
der salzige Pelz des
Anderen bereits an unseren Zähnen.
In die Nacht streifen wir allein
zurück, satt aber
ungestreichelt.