Leidenschaften

„Und was ist deine Leidenschaft?“
„Ach, weißt du… das ist schwierig bei mir. Ich habe ja dieses chronische Erschöpfungssyndrom…“ Ich starrte ihn durchdringend an, sog geräuschvoll die Luft durch die Nase und stieß sie mit einem klingenden, leicht schluchzenden Seufzer wieder aus. Ich nahm mir etwa anderthalb Minuten Zeit dafür. Dann senkte ich die Lider und mein Blick schweifte in die Ferne.
„Oh.“ Er räusperte sich.
„Was heißt das konkre- ?“
„Alles ermüdet mich. Alltägliche Dinge machen mir schon nach kurzer Zeit zu schaffen. Mir ist andauernd schwindelig. Ich schlafe über 14 Stunden am Tag. Und es gibt keine Medikamente dagegen.“
Er starrte mich an und rang sichtbar um Worte. „Das… tut mir leid.“
„Ist schon in Ordnung. Man gewöhnt sich dran. Ich kann nur nicht so viel leisten wie andere Menschen. Es gibt Phasen, da geht es mir besser, und Phasen, da geht es mir wieder schlechter… Aktuell…“
Er schwieg. Kratzte seinen Bart. Wich meinen Blicken aus. Ich merkte, dass ihm die Situation unangenehm war. Eine Mischung aus Mitleid und Ungläubigkeit umspielte seine Mundwinkel. Einige Minuten standen wir schweigend an der Brücke und blickten auf den Kanal. Die Seerosen starben langsam ab und wurden zu braunem, morastigen Schlamm. Und auch die Trauerweiden hatten schon Gelb und Brauntöne angesetzt, es begann in den Spitzen.
„Aktuell geht es mir wieder schlechter. Das ist immer so im Herbst. Ich habe das Gefühl, gleich der äußeren Natur, auch innerlich abzusterben.“
Seine Augen weiteten sich.
„Hast du das mal einem Arzt erzählt?“ fragte er schnell.
Ich spürte, dass er Mühe hatte, einen ruhigen Ton zu bewahren. Er klang jetzt besorgt. „Das klingt für mein Dafürhalten ein bisschen… depressiv.“
„Um ehrlich zu sein…“ druckste ich herum, „bin ich auch wegen Depression in psychotherapeutischer Behandlung. Schon seit drei Jahren.“
„Mh.“
Wir gingen wieder einige Meter am Kanal entlang und ich bemerkte, wie sein Blick gedankenversunken dem fröhlich am Ufer umherspringenden Golden Retriever folgte, der unermüdlich einen abgekauten Quietscheball aus dem morastigen Seerosenbrackwasser apportierte und zu seinem Herrchen zurückbrachte.
„Aber hilft dir wenigstens die Therapie?“
„Eigentlich schon“, sagte ich und senkte erneut für eine halbe Minute den Blick, weil ich merkte, dass er mich gerade ansah.
Ich zielte darauf ab, ihm meine dunkelroten Lider zu präsentieren. Meine Augenhöhlen waren schon von Haus aus dunkel, aber ich liebte es, sie mit einem kräftigen Terracottaton auszumalen. In Kontrast zu meiner hellen Gesichtshaut wirkte mein Augenmakeup somit unweigerlich krank. Es verschaffte mir das Aussehen einer lebenden Toten.
„Eigentlich schon“, setzt ich wieder ein. „Aber die Antidepressiva…“
„Ja?“
„Ich vertrage die Antidepressiva nicht. Ich glaube, sie sind der Auslöser für meine Migräne. Außerdem habe ich kaum mehr Lust auf Sex.“
Im Hintergrund bellte laut der Hund. Von vorne kam ein Wind auf und brachte uns dazu, die Jacken zu schließen, während wir schweigend nebeneinander den Kanal entlang trabten. Dem Gespräch war eine Wendung gegeben worden, die nicht mehr umkehrbar war. Schwäne steckten ihre Köpfe ins Gefieder. Blätter brachen knarzend von den Bäumen und zirkelten unaufhaltsam dem veralgten Wasser zu.
„Verstehe“, antwortete er mit etwa zehn Minuten Verspätung. Aber mein letzter Satz hing noch immer zwischen uns wie die zerstörerische Miniermotte in den Kastanien. Es brauchte eine Weile, bis er sich wieder gefangen hatte.

„Es wird kalt, langsam, findest du nicht? Wir könnten ja allmählich nach etwas zu Essen Ausschau halten.“
In seiner Stimme lag ein heiterer, aufmunternder Ton. Er wirkte eine Spur zu überschwänglich, als er dazu auch noch lächelte. Es war unübersehbar, dass er endlich das Thema wechseln wollte.
„Was isst du denn gerne?“
„Nun ja…“
„Ich hätte ja Lust auf Pizza!“
„Es gibt da ein Problem.“ Ich räusperte mich wieder und zog die Jacke noch ein bisschen dichter um mich. Er wurde bleich um die Nase. „Ich habe eine Glutenintoleranz. Und Laktose vertrage ich ehrlich gesagt auch nicht so gut…“
„Oh.“
Ein erneuter Windstoß peitschte durch die Weiden. Er wirbelte meine Haare ins Gesicht, verschloss meinen Mund und ließ uns für eine Weile die Augen zusammenkneifen.
„Ich vertrage sowieso viele Lebensmittel nur sehr schlecht. Ich habe das von meinem Vater geerbt. Reizmagen. Es kann aber auch mit meiner Angststörung zusammenhängen…“
Ich stemmte mich gegen den Wind und schrie ihm entgegen.
„Ich leiste dir gern Gesellschaft beim Pizzaessen. Aber ich kaufe mir lieber eine Packung Reiswaffeln bei Rewe!“
Er schwieg. Dann stiegen wir eine kleine Treppe vom Kanal auf die Hauptstraße zurück. Hier oben kämpfte der Sommer noch um seine letzten Atemzüge. Dutzende junge Menschen in viel zu weiten abgetragenen Sportjacken und weißen Sneakers säumten die Straßencafés und ließen die Herbstsonne ihren Latte Macchiato oder das Radler schal wärmen. Die Graffiti an den Fassaden der Gründerzeithäuser erstrahlten geradezu obszön bunt im glasklaren Licht des untergehenden Nachmittags.
Er fummelte umständlich ein Bier aus seinem Rucksack und hielt es mir hin. Ich schüttelte den Kopf. „Gluten. Außerdem ist Alkohol auch eher..“ Ich brauchte den Satz nicht zu beenden.
Er nickte.
Meine Leidenschaft, dachte ich im Stillen, ist Leiden schaffen. Er jedenfalls litt, aber er schlug sich tapfer. Biertrinkend lief er neben mir die breite Allee entlang; ab und zu blinzelte er zu mir herüber; unsicher und verkrampft lächelnd. Wir schwiegen. Die Sonne schien. Der Wind blähte. Die Blätter wurden braun unter unserem ausgedehnten Schweigen. Die Straßenbahn dröhnte vorbei.
Da packte er urplötzlich meine Hand und drückte sie so fest, dass es schmerzte.
„Hörst du das auch?“ fragte er und schaute mir unverwandt in die Augen.
„Hörst du das auch, oder ist das mein Tinnitus?“

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Der Sommer

Du bist schon vor mir aufgestanden
hast mich mit deiner Blätterdecke zugedeckt.
Dein strahlendes Gemächt ist nun versteckt
in gelb und bräunlichen Gewanden.

Kondome liegen achtlos unterm Bett,
der Boden voll von deinen Samenspuren
es war so schön mit dir herumzuhuren
doch all das Eis und Liegen macht auch fett.

Du küsst mich noch ein letztes Mal im Stehen
und Sonne flutet durch die dunkelblaue Tür
ich weiß, es liegt ja nicht an mir
dass es nun Zeit für dich ist, zu gehen.

Und jedes Jahr hoff ich auf die große Liebe
doch dann ists nur ne kurze, leidenschaftliche Affäre
und manchmal eine einzige Misere
wenn du nicht hälst, was du versprichst.

Ich koche Kaffee. Hol dicke Socken, Netbook, Bücher.
Geh zurück ins Bett und leg mich nieder
Im nächsten Jahr kommst du ja wieder
Ich weine kurz, dann tinder ich.

Inside Job

Ich möchte ihm gefallen aber mein Körper
will nicht. Meine Oberarme schwellen an bis
zu dem Maß dass seine Augen ihm ausfallen.
Und wie ich trainierte und focht und zu wenig
aß das Gefühl zu genügen mochte sich nicht
einstellen.

Über Gefühle sprechen wir nie.
Und der Körper bleibt weich, ein unformbares
Ekel mit Haaren an den falschen Gestaden
Mein Versagen wird sichtbar
an der Materie. Ich lass mir zwar Beine wachsen
aber die Faltenbildung verjüngt sich von Mal zu Male
und jünger werd ich nie.

Ich möchte funktionieren aber mein Körper
will nicht. Ich will genießen und mit Bieren
exzessive Nierenschädigung forcieren bevor ich
am Burnout krepiere. Ich will arbeiten gehen und lieben
und mir einen Bruch heben beim leisten und beim
deiner Leiste Zugeneigtsein, aber mein Körper
will nicht.

Es ist zum Haareraufen. Ich bin nicht hier
in meinem Fleisch sondern mein Fleisch ist außer mir
und ich bin der Zuschauer, der die Maschine nur
leidlich bedient. Sich leiblich in die Materie einwohnen,
das wäre was. Aber ich bleibe cartesianisch mechanisch
ein Archäologe der die kunstvoll bemalten Vasen betastet
doch niemals behaftet ist mit ihnen, sie dienen allein
dem Musealen oder dem Zweck, schöne Blüten
zu hüten, die früh verblühen.

Cinéphil

auf der leinwand: ein leises knistern der figuren,
die abtreten, die nicht mehr sichtbar sind auf dem
zelluloid, das zu uns spricht
der blick in den saal: die weißen gesichter die dem licht
zugewandt sind, dahinter das nichts und ein
projektor der unablässig reflektiert.
sind wir blind oder nur mit blindheit geschlagen
wenn die kamera unsere sicht regiert
unsere blicke sich richten auf die figuren die neu
auf dem bildschirm aufflimmern wie weiße flecken
noch nicht ganz ausgeleuchtet sind auf unserer netzhaut?
wir sind gebannt und können unsere fliegenden augen nicht abwenden
von dem film, der gespielt wird bis die figuren
wieder harte konturen annehmen und verschwinden
leise knisternd
von der leinwand.

Leise zur Nacht

Leise zur Nacht
denke ich meine drückenden brüste an deinen rücken.
die vögel zirpen in der kälte es hat aufgehört
mir etwas auszumachen
nur die kahle stelle schmerzt noch wo dein gesicht lag
wo der tag seine federn lässt und mich in den
abfluss spült.
deine federn liegen ausgerupft im spülbecken.
ich kann deine gänsehaut spüren wenn ich in mich
hineinhöre, stören dich meine nägel nicht,
sag, habe ich mich zu tief in dich hineingebohrt,
leise zur nacht?

ein anfang

meine sommersprossen erhellen sich wenn du mich ansiehst
auf meinem gesicht landen vögel wie auf einem weißen Feld
es war weiß weißt du,
weiß wie die birken des verbrannten polens
weiß
wie das vergessen weißt du
weißt du nicht
deine schläfen lagen an meinen, meine augen bohrten sich in deine
vor allem als das licht schlafen ging ruhten wir beide noch immer
in der helligkeit unseres lächelns dicht an dicht wussten wir nicht
dass es immer so weiter geht mit den morden
und als die monde um uns kreisten in der einsamkeit
begannst du zu weinen, es ist schlafenszeit
weißt du nicht
du knipst meine sommersprossen aus ich ging hinaus auf
das weiße feld auf dem die vögel landen dicht an dicht
es war weiß weißt du
weiß wie die birken deines verbrannten gesichts

Ritchie

Es ist nicht so, dass ich oft an Ritchie denke. Zumindest nicht in dem Maße, wie ich an Marius denke oder an Steve. Eigentlich hat Ritchie nie eine bedeutende Rolle in meinem Leben gespielt. Er war eher so der Nebendarsteller, der in den ersten fünfzehn Minuten eines Blockbusters ein paar Mal durchs Bild läuft und schief in die Kamera grinst. Dann der Zeitsprung, die Protagonistin altert um Jahre, und Ritchie taucht bis zum Ende des Films nicht mehr auf. Woran ich denke, wenn ich an Ritchie denke: Erstens, Ritchie trug sein Haar immer gelig. Das Gel machte seine Naturlocken zu glänzenden schwarzen Kringeln, was mich dunkel an Omas Kalbsfellmantel erinnerte. Zweitens, wenn Ritchie redete, klang es so, als würde er sich die Nase zuhalten. Das hatte etwas Blasiertes und Komisches zugleich. Ein paar von den Fußballern äfften ihn manchmal nach. Sie sagten, Ritchie sei eine Tunte. Das war natürlich gelogen. Drittens, Ritchie hörte eher so Rock. Aber auch Rap. Er war nicht so festgelegt wie ich. Ich hörte Punk, alles andere war mir nicht anti genug. Wenn wir an den Wochenenden betrunken nebeneinander in der Chill-Out-Area irgendeiner Dorfparty auf der Bierbank saßen, stritten wir manchmal, kurz bevor wir knutschten, über schlechte Deutschpunk-Lyrics. Einmal brannte er mir ein Cypress Hill Album, das ich mir aber nie anhörte. Viertens, Ritchie konnte gut küssen. Richtig gut küssen. Er hatte große, volle Lippen und einen langen Hals. Wie eine Giraffe. Und er cremte seine Lippen mit Labello ein. Ich sah ihn einmal in der Pause mit dem Stick rumhantieren und da packte er ihn schnell wieder weg. Warum, weiß ich nicht. Ich hielt ihn ja nicht für schwul, und das wusste Ritchie auch. Er küsste sehr zärtlich und mit dem exakt richtigen Maß an Zunge. Und er drückte seinen Daumen dabei sanft gegen mein Kinn.

Zunächst fühlte es sich albern an, Ritchie zu googeln. Aber mir blieb keine andere Wahl. Ritchie war wie vom Erdboden verschluckt. In der 10 Jahre-Abitur-Gruppe auf Facebook tauchte er nicht auf, genausowenig in der Mailingliste. Nicht mal Bianca, deren Nummer ich dank einer altmodischen Telefonbuchrecherche hatte, stand noch in Kontakt mit ihm. Dann also Internetstalking. Natürlich hieß Ritchie nicht mit echtem Namen Ritchie, sondern Richard Kučera. Ich tippte „RICHARD KUčERA“ in die Suchleiste ein.

Google lieferte prompt und ich scrollte die Ergebnisse ab. Das erste, zweite und dritte Ergebnis verwies mich auf eine Arztpraxis in Neusiedl. Dr. med. Richard Kučera, Hausarzt am Neusiedler See. Ich klickte auf Google Maps und zoomte mich in den Ort rein, ganz nah an die Praxis. Die Praxis Kučera lag auf der Hauptstraße von Neusiedl, in unmittelbarer Nähe einer Weinstube (die drei Leute bei Google mit fünf Sternen bewertet hatten), einer Bank, drei weiteren Ärzten (Haut, Gynäkologie, HNO) und der Touristeninfo. Bis zum Segelhafen West brauchte man laut Google Maps dreißig Minuten zu Fuß. Dreißig Minuten, die sicher an schnöseligen Segel- und Tennisclubs und nach gemähtem Gras duftenden Feldern vorbeiführten. Zum Hinterhof raus lagen Ferienvillen, die Balkone hingen mit Geranien voll. Ein vollmundiger Gong erklang, als ich den Klingelknopf aus Messing an Dr. Kučeras Praxis drückte. Die Gegensprechanlage knarzte, der Summer summte; schon stand ich auf dem Flur vor der Anmeldung. Zwischen Theke, Warteraum und Sprechzimmer war einiges los. Unablässig klingelte das Telefon, unablässig lief eine Praktikantin mit Urinproben von A nach B, unablässig nahmen alte Damen am Empfang ihre Rezepte und Besserungswünsche entgegen. Dr. Kučeras Arzthelferinnen waren groß und blond, hatten schmale, pferdeähnliche Gesichter, trugen ihre Haare zum Zopf gebunden und hatten einen burgenländischen Dialekt. Wortlos legte ich meine Chipkarte auf die Theke. Mit einem Lächeln und einem dreiseitigen Anamnesebogen für Erstpatienten wurde ich in das voll besetzte Wartezimmer geschickt. Den Bogen füllte ich nachlässig und ausschließlich mit Halbwahrheiten aus, es ging mir schließlich nicht um eine Diagnose. Beim Zurückbringen nahm ich eine BUNTE aus dem Zeitschriftenregal mit, aber als ich darin herumblätterte, fiel mir auf, dass ich abwesend war und ohne Konzentration. Dafür sogen sich meine verschwitzten Fingerkuppen mit Druckerschwärze voll. Vierzig Minuten Wartezeit vergingen furchtbar schnell. Als mein Name aufgerufen wurde – »Frau Trebes bitte in Sprechzimmer Nummer Drei!« – schoss ich wie elektrisiert vom Stuhl hoch, sodass mir kurzzeitig schwarz vor Augen wurde. Die Umrisse des Wartezimmers kamen schemenhaft zurück, da sah ich mich auch schon in Richtung Sprechzimmer steuern. Aus den Augenwinkeln fiel mir auf, dass ich schwarze Fingerabdrücke auf dem goldenen Türgriff hinterließ, und in diesem Moment fragte ich mich, warum ich eigentlich bis dato keinen Gedanken an die Frage verschwendet hatte, wie es überhaupt dazu kam, dass Ritchie Arzt in Neusiedl war.
War Ritchies Vater nicht Arzt in Österreich? Ich glaubte zu wissen, dass Ritchies Vater sich kurz nach Ritchies Geburt von Ritchies Mutter getrennt hatte, mit Sack und Pack und einer neuen, großen, blonden, vollbusigen Frau nach Neusiedl gezogen war; während Ritchie mit Ritchies Mutter, kleinwüchsig, schwarzlockig, schmalbrüstig, im thüringischen Vogtland versauerte. Ritchie hatte, so sponn ich weiter, seit Anbeginn aller Zeit auf Wunsch des Vaters Medizin studieren sollen, aber weil schon ab der fünften Klasse absehbar war, dass er den Numerus Clausus an deutschen Unis nicht schaffen würde (Ritchie war der mit Abstand Schlechteste in Latein, er war schlecht in Deutsch und in Englisch und denkbar schlecht in den Naturwissenschaften. Nur in Sport und Musik hatte er ab und an eine Eins, und im Religionsunterricht) – weil also absehbar war, dass Ritchies Noten zu mies für deutsche Unis sein würden und er mindestens zehn Wartesemester bräuchte, um in das Fach hinein zu gelangen, verschaffte ihm sein Vater einen Studienplatz in Österreich. War es nicht so? Nein, es war nicht Österreich, Ritchie ging vielmehr nach Polen, so war es. Nach Wroclaw, um genau zu sein; er studierte dort Medizin und promovierte dann bei Freunden seines Vaters an einer Klinik in Bratislava, Slowakei. Oder war es Tschechien? Kučera war ja auch ein tschechischer Name. Nicht? Auf alle Fälle machte er sein Studium in Wroclaw, wo er mehrfach von polnischen Neonazis bedroht wurde, weil sein Nachname tschechisch klang und seine Nase jüdisch aussah. Soweit auch Biancas Wissensstand, den sie mir bei unserem Telefonat, redselig wie immer, unbedacht weitergetratscht hatte. Danach verlor sich die Spur. Die Frage, warum Ritchie mit Anfang Dreißig schon eine eigene Praxis in Neusiedl hatte, blieb ungeklärt, auch in meinem Kopf. Die Tür hatte sich langsam und unmerklich nach innen geöffnet und ich blickte in das Sprechzimmer hinein, während Dr. Richard Kučera in mich hinein blickte.
Ich sah Ritchies 18-jähriges Jungsgesicht in einem weißen Arztkittel und den dazu passenden Crocs vor mir und dachte an junge Kälber. Seine Stirn war wie eh und je von Schmalzlöckchen umkränzt, seine riesigen dunkelbraunen Augen – meine Freundinnen nannten ihn damals nur den „Dackel“ – sahen mich zunächst verwundert, dann spöttisch an. Das Stethoskop hing lose um seinen Hals und rahmte das geöffnete Hemd, das wiederum einiges an dunklem Brusthaar freigab. Brusthaar? Das war schwer zu verkraften. Ich schluckte und fühlte unwillkürlich Blut in meine Bauchregion pumpen.
Dreißig Sekunden vergingen, ohne dass etwas passierte.
„Tanja?“
fragte Ritchie endlich.
Ich räusperte mich.
„Ja! Äh hallo, Ritchie“, antwortete ich mit nervös zuckenden Mundwinkeln. Ich sah mich den Ring meines linken Zeigefinger hoch und runterschieben, mechanisch und in Trance. Hoch und runter. Eine Bewegung, die ich oft machte, wenn ich nervös war; aber jetzt war die Geste obszön, wie mir urplötzlich auffiel. Ich wurde sofort rot. Ich war nie nervös gewesen in Ritchies Gegenwart. Ritchie war eben Ritchie: ein netter Junge, durch und durch Mittelmaß, mit durchschnittlichem Aussehen, durchschnittlicher Intelligenz und durchschnittlichen Interessen. Seine Nase war etwas zu lang, seine Haare etwas zu gelig, seine Klamotten etwas zu altmodisch um wirklich als hot durchzugehen; seine Hobbys zu unspektakulär (ich wusste, wie gesagt, auch nur von Cypress Hill und vom Kiffen). Ein völlig langweiliger Durchschnittstyp, der sich seit unserem ersten Kuss, den ich ihm im Hinterhof einer Kneipe völlig besoffen aufgenötigt hatte, während von drinnen Sex is on Fire lief, unwiderruflich in mich vernarrt hatte. Nur als Freund kam Ritchie für mich nie in Frage. Ich war ja Punk, und außerdem Klassenbeste, und ich interessierte mich seinerzeit für expressionistische Kunst und griechische Tragödien. Dinge also, die Ritchie womöglich nur vom Hörensagen kannte. Aber das gebrochene Herz konnte ich ihm dann doch nicht ersparen, dafür küsste er einfach viel zu gut.
Wie Ritchie nun vor mir stand, in seiner eigenen Arztpraxis im oberösterreichischen Segelparadies, mit gleichmäßigen Dreitagebart und einiges an Muskelmasse, umgeben von einer Schar blonder Nymphen, die Urinproben hin und her trugen, erschien er mir plötzlich massiv attraktiv. Es war mir geradezu unbegreiflich, warum ich mich damals nicht für ihn interessiert haben konnte. Ritchie sah mir mit seinem Hundeblick tief in die Augen und schob seine weichen Lippen nach vorne. Gleich, so ahnte ich, würde er mich fragen, warum es mich in seine Praxis verschlagen hatte; dabei würde ich feststellen, dass sein quälend nasaler Tonfall einem raubeinigen dunklem Bass gewichen war. Ich würde unkoordiniert von meinem Leben erzählen, meinem Promotionsprojekt in der Altphilologie, meinem Nebenjob im Museum und meinem großen Freundeskreis. Er würde mich mit ehrlichem Interesse, wie selbstverständlich, zu meinen Studien ausfragen, mit einem unerklärbaren Wissen über Euripides und die Fehlrezeption durch Aristophanes, und mich dabei schief anlächeln, während das Brusthaar immer üppiger aus dem kleinen Spalt seines Hemdkragens herausquoll. Das Studium musste ihn gebildet haben; ja, er würde nebenbei einfließen lassen, dass er sich auch noch für Psychoanalyse interessierte, insbesondere für die Psychoanalyse C.G. Jungs. Dies wäre der Moment, wo ich mir eingestehen müsste, dass ich nun regelrecht sexuelles Verlangen nach Ritchie verspürte, und ich mich langsam aber sicher auf die Praxisliege würde gleiten lassen, lasziv und schwer atmend, während er mir aufreizend zunickend immer näher kam, dabei sein Hemd langsam öffnete und sich schließlich oberkörperfrei und brustbehaart über mich beugte, sodass ich sein Parfum – Bleu de Chanel – einatmete. Dann, ja dann, würde ich den Sex meines Lebens haben, mit Ritchie, dem Dackel.

Der vierte und fünfte Eintrag bei Google sahen eine ganz andere Zukunft für Ritchie vor. Beide handelten von der „kleinen Bierstube“; der eine Link verwies auf einen Zeitungsartikel, der andere auf eine Website der kleinen Bierstube. Beide führten RICHARD KUčERA als Inhaber an. Ritchies kleine Bierstube lag in Augsburg, in einer Seitenstraße am Kö, die Webseite war schlicht designt, aber schick; ich hätte mir für eine Bierstube ein etwas anderes Design vorgestellt. Aber das war eben Bayern, Bier musste attraktiv sein für alle. Ich begann, den Artikel zu lesen. Richard , so Kučera die Augsburger Allgemeine, kam vor mittlerweile vier Jahren nach Augsburg und jobbte nach einem verhauenen Studium der Medizin zunächst in diversen Kneipen und Bars, bevor er mit einem langjährigen Freund, Sebastian (ich grübelte; Sebastian Demmering aus der K11? Ja, das war möglich. Mit dem hing Ritchie damals herum, eventuell, weil sie aus dem selben Dorf kamen, Sebastian war nämlich drei Jahre jünger als Ritchie und normalerweise begab man sich in der Kollegstufe nicht auf das Niveau unreifer Teens; eventuell lag es auch daran, dass sie beide kifften und Sebastian Ritchies Dealer war. Oder andersherum. Oder weil sonst keiner im Umkreis von 100 Kilometern so viel kiffte wie Ritchie und Sebastian), also bevor er mit eben jenem Kiffersebastian, der indessen eine Ausbildung zum Gastronom gemacht hatte, beschloss, einen kleinen Pub in der Altstadt Augsburgs aufzumachen. Augsburg nur deshalb, weil Sebastians Freundin Sabrina (Etwa Sabrina Daschner, die burschikose Fußballerin aus unserer Jahrgangsstufe?) in Augsburg studierte und lebte. Und weil Augsburg noch verhältnismäßig günstig war im Vergleich zu anderen Städten Bayerns, aber man unbedingt nach Bayern wollte, wegen des Biers. Die Kneipe selber war klein und relativ unspektakulär, aber enorm gut besucht, sodass Ritchie und Basti binnen kürzester Zeit richtig gut Geld verdient haben mussten. Es fühlte sich seltsam an, in Augsburg die Kneipe eines unbedeutenden Verflossenen aufzusuchen, weil ich diese Stadt nur in Steves Armen kennengelernt hatte.
Ich erinnerte mich blitzartig an einen Nachmittag im Sommer, den ich mit Steve in Augsburg verbracht hatte, wir waren erst im Domgarten gewesen und Steve hatte Fotos von meinem neuen Kleid gemacht; später waren wir Eis und Milkshakes holen auf dem Rathausplatz, ich war damals noch nicht allergisch auf Erbeeren und hatte mir Erdbeer-Schokolade bestellt; ein bisschen waren wir noch bummeln und gegen abends auf dem Plärrer, einem oktoberfestartigen Volksfest, zu dem mich Steve nur begleitete, weil er mich liebte, obwohl er es insgeheim verabscheute. Und jetzt saß ich in der kleinen Bierstube am Kö, nicht nur allein, sondern tatsächlich einsam, und hoffte inständig, dass Ritchie und nicht Sebastian als erstes auftauchen würde; aber zunächst ließ sich keiner der beiden blicken, nur zwei gelangweilte Studenten wuschen hinter der Theke Biergläser ab und wechselten in überheblichem Tonfall ein paar Worte über ihr Foucault-Seminar, wobei mir mit jedem ihrer Worte klarer wurde, dass sie Foucault nur aus der Sekundärliteratur kannten. Ich war schon versucht, ihnen verbessernd hineinzureden, als plötzlich die Klappe zur Küche aufging und Sebastian heraus kam, mit den zwei unwesentlich jüngeren Studenten etwas Smalltalk hielt und dann an mir vorbei aus dem Laden marschierte, ohne mich zu notieren. Auf der Karte standen Pommes Twister mit Majo und Ketchup, Backkäse mit Tomatensauce und Toast sowie drei Sorten Sandwich, eins davon vegan.
Appetitlich klang das alles nicht, dafür war die Bierauswahl großzügig und ich bestellte ein echt Augsburger Thorbräu bei einem der Studis; die Kneipe war, bis auf ein älteres Paar, vermutlich Touristen, und vier, fünf Studenten im hintersten Eck leer, da es noch nicht mal sechs Uhr war. Mein Thorbräu kam in dem Moment, als die Tür erneut aufging, und zwei lachende Frauen herein kamen, eine davon war Sabrina. Auch sie schien mich nicht zu erkennen; verdenken konnte ich es ihr nicht, ich sah damals ganz anders aus mit den schwarzen Haaren und der Irokese, dafür ließ es sich umso besser lauschen. Sabrina, obwohl noch immer mit androgyner Nichtfrisur in Kurz und in Trainingshosen, hatte eine schrille überzogene Kleinmädchenstimme, die unmöglich überhört werden konnte. In nach wie vor thüringischem Dialekt – ich wusste, auch Sebastian würde nach wie vor Thüringisch sprechen – beschwichtigte sie ihre Freundin, heute Abend gemeinsam kochen zu wollen, Richard könne ja auch kommen, der habe doch heute frei. Meine Ohren wurden spitz, als ich Ritchies Namen hörte, und bemühte mich, etwas näher an die beiden heranzurücken, die sich mittlerweile an der Theke niedergelassen und zwei Ginger Ale bei der armen Thekenstudentin bestellt hatten. Die andere, groß, blond, mit ausdruckslosem Gesicht und einem Pferdeschwanz (sie erinnerte mich auf irritierende Art und Weise an die urinprobentragenden Krankenschwestern aus Ritchies Praxis), antwortete dünn, das sei eine gute Idee. Dann diskutierten sie, was zu kochen sei und ließen abwechselnd Sebastians und Ritchies Lieblingsspeisen einfließen. Mir war das viel zu unemanzipiert, und ich empörte mich etwas über Ritchies schlechten Frauengeschmack; am meisten aber ärgerte es mich, dass Ritchie offensichtlich gar nicht da war. Ich wollte nicht noch einmal wiederkommen, und sowieso erschien mir Ritchie nun uninteressant zu sein. Wer so eine Beziehung führte… Jetzt sah ich auch den Ring an ihrem Finger, und je näher ich sie mir anschaute, umso deutlicher wurde die Kugel unter ihrem T-Shirt, sie war schwanger. Pah, das darf doch nicht wahr sein. Ritchie, wir haben uns einmal geschworen, auf Cypress Hill und auf Slime, dass wir beide kein bürgerliches Leben führen. Und du verrätst uns jetzt hier beide, mit diesem Pferdegesicht und deinem Bastard aus Pferd und Dackel. Ich stürzte das Thorbier hinunter und stürmte aus der Kneipe, sogar zu zahlen vergaß ich dabei.

Ganz am Schluss, am Ende des Internets, fand ich die Todesanzeige. Auf vogtland-anzeiger.de schwirrte plötzlich dein Namen inmitten eines schwarzen Rahmens und neben betenden Engeln. Unserem lieben Sohn und Bruder. RICHARD KUčERA. In Liebe, deine Mama Vera. Mein erster Gedanke war, dass ich es erstaunlich fand, dass der Vogtland Anzeiger eine Onlinepräsenz hatte.
Wie bist du gestorben, Ritchie? Bist du nach neun Thorbräu gegen einen Baum gefahren? Oder war es der Blutkrebs? Du nahmst aber keine Tabletten!? Sicher hättest du dir welche von ehemaligen Kommilitonen beschaffen können. An dem Tag, an dem du das Physikum verhauen hast. Die Beerdigung findet in aller Stille statt.
Ich stand hinter der schulterhohen Friedhofsmauer und blickte auf die winzige Aussegnungshalle inmitten des Greizer Gottesackers. Deine Mutter – ich vermutete, dass es deine Mutter war – stand auf einen Pflock gestützt vor der Halle und trocknete sich mit einem weißen Stofftaschentuch unablässig das nässende Gesicht. In ihrem Arm hielt sie ein Bündel weißer Heckenrosen, vermutlich aus dem eigenen Garten. Der Regen troff vom Himmel herab, wie man es aus Filmen kannte. Ich hatte eine Kondolenzkarte gekauft und hielt sie unter meinem Wintermantel verborgen, der einzigen schwarzen Jacke, die ich besaß. Ich schwitzte jämmerlich im warmen Sommerregen. Mein Schirm war ungünstigerweise pink. Doch Vera Kučera (ein Reim, dachte ich leise) sah weder den Schirm noch den Regen. Nun kam der Pfarrer mit einer goldberandeten Urne aus der Halle und schritt langsam und ernst den Kiesweg hinunter, während die Glocken läuteten. Im Gefolge: Die weinende Vera, ein Mädchen mit Pferdegesicht, dessen Identität ich nicht näher bestimmen konnte (war es eine deiner Arzthelferinnen, war es deine schwangere Freundin? War es schlicht deine Lieblingscousine aus Karlsbad?), ein älterer, verhältnismäßig gutaussehender Mann (Dein Vater?) mit einer blonden, großen, rundlichen Frau unter dem Arm (seine Neue?), Sebastian Demmering und ein Dackel. Bis auf den Dackel hielten alle einen schwarzen Schirm in der Hand. Als die Kolonne ein gutes Stück schweigend zwischen den Gräbern passiert war, betrat ich durch das gußeiserne Tor den Friedhof und versuchte unmerklich, an die Trauergemeinschaft aufzuschließen, soweit ich mit einem pinken Regenschirm eben unbemerkt bleiben konnte. Ritchie hatte Geldsorgen. Er hatte sich verkalkuliert mit der kleinen Bierstube, und an dem Morgen, als Marie ihm auf den AB sprach, dass sie ihn verlassen würde und zur selben Zeit sein Gerichtsvollzieher anrief, um ihm zu sagen, dass er seine Vespa pfänden würde, hatte er sich mit einem Strick aus dem Baumarkt im Kellerfenster aufgeknüpft. Wir hatten die Urnenstelle erreicht. Langsam senkte sich das goldblaue Porzellan in die verregnete Grube, Ritchies Mutter schluchzte jetzt laut wie ein jaulender Hund, alle anderen starrten ins Leere. Ritchie war beim Vespafahren um den Neusiedler See vom Weg abgekommen und tödlich verunglückt. Ritchie starb eines Morgens unerwartet, neben seiner noch schlafenden schwangeren Freundin an plötzlichem Herzversagen. Ritchie hatte von zu viel Cypresshillhören Ohrenkrebs bekommen, der Krebs streute und brachte ihn langsam aber sicher… nun gut jetzt, dachte ich im Stillen. Reiß dich zusammen. Ritchies Tod ist nicht witzig. Aber genauso unerklärlich war er doch. Woran solltest du schon gestorben sein? An einer Überdosis Gras? An Durchschnittlichkeit? An einer entzündeten Nasescheidewand?
Der Pfarrer stimmte ein Lied an, „Nun ruhen alle Wälder“. Vera Kučera(noch immer ein Reim, dachte ich leise) warf drei Schaufeln Erde auf die Urne mit Ritchies Asche drin. Was auch immer passieren würde, dachte ich. Ritchie war tot und würde tot bleiben.

Drei eilige Anekdoten

1.
Der ICE rauscht durch die Provinz, ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell man aus Leipzig im Nichts landet. Das heißt, das Nichts nennt sich selbst natürlich nicht Nichts, sondern weltbekannte Saale-Unstrut-Region. Seit einiger Zeit prangt an einem der Hänge sogar der überhebliche Schriftzug „SAALE-UNSTRUT-WEINE“, als befände man sich direkt an der amerikanischen Westküste. Bestimmt spielen die hiesigen Touristenbroschüren auch mit schlechten Wortspielen à la Schaum(wein)fabrik. Ich bin die Strecke tausendmal gefahren, es ist die Strecke Berlin-München, nicht mehr lange, da wird hier niemand mehr die Saale-Unstrut-Region durchqueren, da wird die Strecke über Erfurt umgeleitet. Also soll die Saale-Unstrut-Region von mir aus nochmal alles an Stimmungsmache aufbieten, was geht. In meinen Reflexionen über gelungene touristische Vermarktungsstrategien werde ich von Teenagern abgelenkt, die in „einfacher Sprache“, wie ich es nennen möchte, ihre letzten Schullektüreeindrücke zusammenfassen. „Da geht’s um so nen Typ, der will sich an Single Mothers ranschmeißen, deswegen hängt er mit den Kindern von denen ab. Eigentlich ist der halt voll der Psycho, aber das kommt erst später raus. Das Buch ist die meiste Zeit total boring“ – „vong Sprache her“ bin ich versucht, zu ergänzen, lasse mich dann aber doch nicht dazu hinreißen. Die Bagage steigt in Naumburg aus, irgendwie tun sie mir leid; an ihrem Wandertag in der Saale-Unstrut-Region herumzulatschen ist sicher so not instagrammable. Jena kommt schneller, als ich denke. Als ich aussteige, renne ich in die Arme von Anna, die gar nicht auf mich wartet, sondern auf Uli. Waren wir alle im selben Zug? Wir waren es. Anna redet auf mich ein, wie schick sie mein Outfit findet, aber ich kann nicht reagieren. Ist das etwa Justus Wertmüller, der in Jena Paradies hinter mir aus dem Zug steigt? Er ist es. Was zur Hölle macht Wertmüller im piefigen Jena? Dass er mich wie selbstverständlich von oben bis unten abcheckt – ich trage Bluse und Hotpants – wundert mich wiederum nicht. Bestimmt hält er nen Vortrag über den muslimischen Chauvinismus. No offense!

2.
Mein Kopf drückt ziemlich, die Luft ist in diesem denkmalgeschützten Gebäude nach einer halben Stunde so dermaßen verbraucht, dass man das Seminar auch gleich in der Hölle hätte abhalten können. Vorne schwadronieren Menschen über den Begriff der Repräsentation. Ich klinke mich nach etwa einer Stunde mental aus und lese auf meinem Smartphone unauffällig Gedichte über zischende Springbrunnen, kühle Limonade und einen Hund, den man vor dem sicheren Erstickungstod aus einem Auto rettete, indem man eine Scheibe einschlug. Wenn nur jemand käme, der die Scheiben des Frommannschen Anwesen einschlüge, um mich zu retten, denke ich wehleidig. Meine Gedanken sind eh woanders, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Dann endlich Raumwechsel, weil der Raum jetzt von einem anderen Kurs gebraucht wird (die armen, armen Schweine), ich kühle instantly ab; wir gehen in meinen Lieblingsraum der ganzen Universität Jena: den blauen Salon. Bestimmt haben Goethe, Hegel UND Marx hier schon rumgehangen und ihre Aura auf ewig in die Atmosphäre gebannt. Gott sei Dank kann man Aura nicht riechen, ganz im Gegenteil zu meinen verschwitzten Kollegen und Profs. Dann gewinnt die Diskussion auf einmal an Fahrt, es geht um verschiedene Interpretationen von Repräsentation und um aktuelle Streitfälle. Frau Krieg erzählt von einer ursprünglich in kritischer Absicht errichteten Galgen-Skulptur eines amerikanischen Künstlers, die jetzt zeremoniell von Dakota-Indianern verbrannt werden soll, weil die sich aufgrund ihrer Geschichte von der Skulptur angegriffen fühlen. Ich stelle mir unweigerlich die Frage, was Justus Wertmüller wohl dazu sagen würde, und melde mich. Es gäbe da noch ein anderes umstrittenes Beispiel, sage ich und beginne von Shahak Shapira und seinem „Yolocaust“-Projekt zu erzählen. Während die anderen Doktorandinnen zustimmend nicken, blicke ich bei den Profs in fragende Gesichter, und die Sitzung endet damit, dass ich fünf hochintellektuellen Professor_innen der Geschichts-, Literatur- und Kunstwissenschaft erklären muss, was YOLO bedeutet und was ein HASHTAG ist.

3.
Ich will nur noch die Fresse halten, nichts mehr hören und nichts mehr sehen, nur noch nach Hause; und dort am besten gleich ins Bett, nicht mal mit Saskia will ich heute mehr reden, ich glaub auch nicht, dass ich noch einen vernünftigen Satz für die Symphonie zustande bringe, so ausgelaugt, wie ich bin. Aber das habe ich mir so gedacht; natürlich fährt das halbe Kollegium Richtung Leipzig und Berlin, mit dem exakt selben ICE wie ich; und als hätte ich nicht schon genug mit den Historikern aus meinem Kolleg zu tun, fahren natürlich auch noch sämtliche Leute vom germanistischen Lehrstuhl mit; wieso wohnen plötzlich alle in Berlin oder Leipzig, das darf doch nicht wahr sein. Es nützt alles nichts, ich muss mich beugen und im Vierer neben zwei Kolleginnen und einem mir nur flüchtig bekannten Historiker Platz nehmen, komme, was wolle. Ich will eigentlich nur noch aus meiner Bluse raus und nackt unter der Dusche Postings auf Facebook und Instagram abliken, ohne Sinn und Verstand.
Der Historiker bricht eine Diskussion über Nerds und Nerdigkeit vom Zaun, während draußen wieder SAALE-UNSTRUT-WEINE vorbeifliegt und ich mir jetzt nichts sehnlicher wünschte, als in der Saale oder der Unstrut oder am besten gleich im Saale-Unstrut-Wein zu baden. Als Beispiel für Nerdigkeit führt er eine Episode aus seinem letzten Forschungsprojekt an. Er forsche über einen Massenmörder, der eigentlich kein Massenmörder sei, dem die nationalsozialistische Polizei nur alle möglichen Morde untergeschoben habe, um dann an ihm menschenverachtende Experimente durchzuführen. Über ihn gäbe es allerlei Verschwörungstheorien und fehlerhafte Informationen, und wenn man auf dessen Wikipediaseite gehe, gäbe es dort seitenweise Diskussionen zwischen Hobbyhistorikern, die alle glaubten, sich mit diesem äußerst komplexen Kriminalfall auszukennen und sich Debattengefechte über die korrekte Version der Geschichte lieferten. Das finde er nerdig, meint Herr Dollmann. Sich so ausufernd mit diesem Fall auseinanderzusetzen und DANN AUCH NOCH zu veruschen, in Internetforen andere von seiner eigenen Version der Geschichte zu überzeugen. Geradezu absurd! Er habe darüber jetzt ein Buch geschrieben, ein Zehn-Jahres-Projekt gemeinsam mit seiner Freundin, in dem er eine ganz neue Deutung des Kriminalfalls und dessen Rezeption seit dem Tod des Nicht-Mörders im Jahr 1944 bis zum heutigen Tag aufrolle; für das er kistenweise ungesichtetes Material ausgewertet und massenhaft Interviews geführt habe. Schließlich packt er sogar einen Vordruck des Buches aus und breitet diesen auf dem winzigen Tisch des ICE-Vierers aus. Während er wie wahnsinnig in dem Blätterwust herumfuhrwerkt, rückt er immer wieder seine riesige schwarze Hornbrille zurecht, was zu Kunstpausen führt, ungeachtet der Tatsache, dass das ganze Abteil mittlerweile an seinen Lippen hängt. Er ist mir grundsympathisch, und ich bedaure wirklich, dass Leipzig schneller kommt, als ich denke. Zuhause angekommen, bestelle ich mir als erstes Herr Dollmanns Buch vor.

Alle meine Sommergedichte enden mit dem Tod

Bei Sonnenuntergang allein sein
Und Ameisen ziehen vorbei
schleifen die Leiber ihrer Toten
über den heißen Teer
ein altes Weib schleift ihren Einkauf
hinter sich her
zerreibt die Toten unter dem
gleißenden Stein

Als im Vorjahr
der Sommer über die Dächer kam
und ich in deinem Arm lag
hab ich beim Küssen nicht an dich gedacht
bis es Nacht war
starrten meine Augen auf das Nachbardach
hinter dem das Licht versank

Heute kreist
die Einsamkeit wie ein
Aasgeier über mein träges
Gebein und der Sonnenuntergang
verheißt mir
Sterblichkeit.

Straße des 18. Oktober

Mit dem Rad die Straße des 18. Oktober
hinabbrettern, an deren Ende
der rote Stern steht.
Mein Herz schlägt über jede
DDR-Betonplatte
auf dem Gehweg
und meine Zähne klappern.

Es ist Sommer. Es scheppert
in meinen Kopfhörern,
der Wind weht…
Mein Herz schlägt in
Rittgeschwindigkeit,
mitten auf der Straße
beginne ich, mitzukreischen
Durch die Lindenblüten
bis in die Windmühlenstraße
kann man gleiten mit dem Rad
in der Schwüle
und die Sonne scheint.

Mein Herzklopfen reicht vom
Sonnenaufgang bis zum
Gewitter.
Mein Herzmuskel wird
vom Trainieren auf dem
Radl immer fitter
aber

Wenn du den ganzen Tag in der Schwüle stehst frisst sie dich auf

deshalb trete, trete immer weiter
in der Schwüle
über die Messe drüber
bis du schwindlig bist,
trete,
trete immer weiter
bis zum Südfriedhof,
trete
und schmeiß dein Rad in die schattige Kühle
lege
dich auf ein Grab
dann hört das Klopfen
vielleicht auf.